.zersetzer. http://zersetzer.blogsport.de in a world of grey black is a colour Mon, 14 May 2018 19:11:04 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Holz, Linoleum und Revolution http://zersetzer.blogsport.de/2018/04/13/holz-linoleum-und-revolution/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/04/13/holz-linoleum-und-revolution/#comments Fri, 13 Apr 2018 20:22:46 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund Profession Erlesenes http://zersetzer.blogsport.de/2018/04/13/holz-linoleum-und-revolution/ Gerippe betrunken tanzendProst! Tanzende Gerippe | Die Totenköpfe und Gerippe vom Grafiker José Guadelupe Posada gelten als Originale dieser Ausdrucksform in Mexico

27.3.2018 | Mexico Stadt. Bereits im Bundesstaat Chiapas fiel uns ins Auge, dass Holz- und Linoleumschnitte eine weit verbreitete und oft genutzte Technik in Mexico zu sein scheinen. In Oaxaca dann springen uns zahlreiche großformatige, politische Wandzeitungen, Stencils und Plakate ins Auge, die meisten sind Linoleum- bzw. Holzschnitte hoher Qualität (siehe Abbildungen im Eintrag „Oaxaca gibt nicht auf“). Was besonders anziehend wirkt, ist die Tatsache, dass diese Drucktechnik hier nicht nur als dekorative Kunst(fertigkeit) auftritt, sondern auch aktuell im Kontext emanzipatorischer sozialer und politischer Protestbewegungen zur Anwendung kommt. Der harte Schwarz-Weiss-Kontrast unterstützt in seinem Ausdruck oftmals die starke Polarisierung in konfliktiven gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Dies wäre – neben dem jeweiligen Stil der Holzhandwerkenden – die ästhetische Seite.
Mit Beginn meiner eigenen Politisierung und der damit verbundenen gestalterischen Arbeit in Form von Schülerzeitungen, Plakaten, Illustrationen, Grafiken, Flugblättern, Spuckis, Aufklebern oder Massenzeitungen stellten wir uns einerseits die Frage, welche technischen Voraussetzungen nötig sind, um agitative und sozial-brauchbare Motive in genügender Auflage bezahlbar zu produzieren und andererseits beschäftigte uns die Frage, welche Techniken faktisch von jedermann und jederfrau zügig erlernbar sind, einfach nach zu ahmen, ausdrucksstark und ebenfalls bezahlbar.
Wir kopierten auf selbstklebendem Papier Spuckies, druckten auf geklauten T-Shirts selbstentworfene Motive per Handsiebdruck, schnitten aus Pappe oder Kopierfolie Sprühschablonen. Holz- und Linoleumschnitte kamen zwar auch zur Anwendung, blieben aber Aufgrund fehlender handwerklicher Weiterentwicklung eine Rarität. Das wäre sicherlich mit einer entsprechenden Tradition in der Linken anders gewesen, weil die Möglichkeit gegeben gewesen wäre, vom Wissen der vorangegangenen Generationen zu lernen. Sie bieb hier weitesgehend nur die historische Auseinandersetzung mit Käthe Kollwitz, Heinz Kiwitz, Reinhard Schmidhagen (Ferdinand Laaren), Clément Moreau (Carl Meffert) und Frans Maserel, Helio Gomez, Gertz Arntz und anderen.

Posada y Calaveras

Wer kennt sie nicht, die charmanten Totenköpfe (Calaveras) oder Gerippe aus Mexico, die zumeist ironisch herrschende Politik aufs Korn nehmen oder in Totentanzmanier mit Galgenhumor den Alltag armer Leute abbilden. Als wegweisendes Original gilt in Mexico der allerorten präsente José Guadelupe Posada, der mit Kupferstichen und Lithografien (Steindruck) um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts. Mit der mexikanischen Revolution (1910-17) positionierte sich Posada auf Seite des einfachen Volkes und der Revolution und hielt gestalterisch dem Tod, dem Elend und der Unterdrückung schelmisch seine mageren Gestalten entgegen. Er starb 1913 verarmt in Mexico-Stadt. In den 1920er Jahren jedoch gelangte er posthum zu enormer Bekanntheit und gilt seit dem als stilbildend und benflußte zahlreiche spätere (Holz/Linoleumschnitt)Grafikerer*innen.

Aufständischer Campesino mit FackelCampesinos in Aufruhr | Linolschnitt von Leopoldo Mendez | Linoleum war das weitaus günstigere Material im Vergleich zu Holz

Totenköpfe für das Leben

Wer den animierten Disney-Film „Coco“ (2018) gesehengesehen hat, bekommt einen kleinen Einblick in die Diversität mexikanischer Legenden, dem lebendigen Verhältnis zum Tod, der dazugehörigen Bedeutung des „Dia de los Muertos“ und der künstlerischen Ausdrucksstärke von unterschiedlichsten Totenköpfen und Gerippen. Der durchschlagende Erfolg der Totenkopfgrafiken von Posada seit dem letzten Jahrhundert und der rasanten Popularisierung gar zu einer bevölkerungsnahen „Totenkopfkunst“ ist nachvollziehbarer, wenn wir berücksichtigen, dass das kosmopolitische Verständnis beispielsweise der Maya bzw. Azteken und weiterer indigener Kulturen den Tod nicht als Ende von Leben betrachteten, sondern als ein Aspekt des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Die bunten, voller Leben strotzenden Totenkopfabbildungen lächeln dem Tod ironisch ins Gesicht, denn dieser ist ein steter Begleiter von Armut, Hunger und Elend. Da der Tod für jeden von uns unvermeidbar ist, warum sich darüber aufregen oder sich gar vor ihm ängstigen? Diesr kommt ohnehin früh genug und meist unpassend! Bis dahin soll jedoch das Leben voller Freude auf seine Kosten kommen, dazu gehört eben auch Feiern, eine Hängematte, Müßiggang und (schwarzer) Humor.

Taller de Gráfica Popular/Werkstatt für Volksgrafik

Daß geschnitzte Motive in Mexico und weiteren Teilen Lateinamerikas eine auf Plakaten, Wandzeitungen, Flugblättern und in Zeitungen oft wiederzufindene Darstellungsform ist, hat nicht zuletzt mit dem grafisch-agitativ arbeitenden Kollektiv TGP zu tun. TGP steht für Taller de Gráfica Popular (Werkstatt für Volksgrafik), ansässig in Mexico-Stadt.

Frauen gegen MilitärinterventionLinolschnitt von Elizabeth Catlett (Entwurf) und Alberto Beltrán (Schnitt) | Die Menschen, nicht die Waffen entscheiden | Plakatentwurf für die Friedenskonferenz 1950

Die TGP entsteht in den Folgejahren der mexikanischen Revolution. 1937 geht dieser Zusammenschluß sich revolutionär verstehender, grafischer Kulturschaffender aus der sich auflösenden LEAR, Liga de Escitores y Artistas revolucionarios (Liga der revolutionären Schriftsteller und Künstler), die 3 Jahre zuvor gegründet worden war, hervor. In dieser waren mehr als 400 Kulturschaffende organisiert. Der gesellschaftspolitische Hintergrund ist zudem die Phase des sozialistischen mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárden?as del Río (1934-1940). Seine Präsidentschaft steht für die Nationalisierung der Ölförderung, Agrar- und Bildungsreformen, Zuflucht für republikanische Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs sowie Bleibe für Verfolgte des Nationalsozialismus. Es tobt der Faschismus in Europa und Japan. Die inhaltliche Leitlinie der Grafiker*innen ist der antifaschistische Volksfrontgedanke einerseits und die Aussage, dass keinerlei reaktionären Inhalte verbreitet werden sollen.

Kollektiv

Jeder Freitag diente der Zusammenkunft der Mitglieder und oftmals internationaler Gäste, um in der kleinen, verrauchten Werkstatt die Themen fest zu legen, erstellte Konzepte und Werke zu diskutieren und zu kritisieren oder die notwendigen Mitgliedsbeiträge einzuzahlen. Die ökonomische Unabhängigkeit war dem Kollektiv wichtig, was die Mitgliedsbeiträge zur Beschaffung der Materialien begründete und eine Haltung beinhaltete, keine finanziellen Zuwendungen von außen annehmen zu wollen. Diese Haltung ging nicht zuletzt auf Erfahrungen zurück, die diejenigen innerhalb der LEAR gemacht hatten, die großformatige Wandbilder (Murales) geschaffen hatten. Leute wie Diego Riviera, Siqueiros und Orozco, die auch von der sozislistischen Regierung Aufträge erhielten, jedoch mehr und mehr inhaltliche Beschränkungen hinnehmen mußten. Die politische Unabhängigkeit war der TGP v.a. in ihren Anfängen wichtig.
Aus den Beiträgen wurden zusätzlich die Miete der Werkstatt, die Druckmaschine sowie ein bescheidenes Gehalt für den Drucker José Sánchez bezahlt. Zum kollektiven Verständnis gehörte neben gemeinsam erstellten Werken auch die Tatsache, dass mit TGP signiert wurde, statt durch Namensnennung den kollektiven Prozess zu konterkarieren.
„In der Werkstatt entstanden keineswegs nur kollektive Arbeiten. Jeder Künstler konnte so viele Arbeiten unter seinem eigenen Namen anfertigen, wie er wollte, allerdings musste er dann die Unkosten ersetzen und der Werkstatt 10 gute Exemplare des Druckes für das Archiv und den Verkauf überlassen. Ganz allgemein galt die Regel, dass keine Arbeit direkt den reaktionären Kräften nutzen sollte. Mit finanziellen Mitteln nur mangelhaft, dafür mit Enthusiasmus umso reichlicher ausgestattet, entstand gleich in den ersten Jahren das, was die Künstler später ihre ‚Goldenen Jahre‘ nannten. Man arbeitete für die verschiedensten Cardenistischen Organisationen, teilweise ganze Nächte durch. Die Plakate wurden entworfen, gedruckt und in der Nacht auch von den Künstlern selbst an die Hauswände geklebt, manchmal in einer Nacht 3000 Exemplare. Eine konstante Flut von Lithografien und Linolschnitten verließ die Werkstatt.“ (aus: Taller de Gráfica Popular, Werkstatt für grafische Volkskunst – Plakate und Flugblätter zu Arbeiterbewegung und Gewerkschaften in Mexiko 1937-1986, Ibero-Amerikanisches Institut, Helga Prignitz-Poda, S. 8, 2002).
Zum solidarisch antihierarchischem Verständnis der Beteiligten gehörte auch, dem handwerklich versierten Drucker José Sánchez weiter zu bezahlen, als dieser einen Arm bei einem Unfall mit der Druckmaschine verlor.

Indigenas verbergen sich vor spanischen ConquistadorenGrafik von Alberto Beltrán | Historisches Bewußtsein auf Seiten der Unterdrückten

Kulturschaffende

Langjähriger Vorsitzender war Leopoldo Mendez, der auch Initiator der Gründung war und mit den folgenden Grafiker*innen anfing zu arbeiten: Raul Anguiano, Luis Arenal, Pablo O‘Higgins, Angel Bracho und Alfredo Zalce.
Um 1940 stießen in organisatorisch und verlagstechnischer Seite interessante Personen hinzu. Zwei aus Deutschland Geflüchtete, die wesentlich zur Verbreitung der Arbeiten und zur finanziellen Stabilität beitrugen; Hannes Meyer, Architekt, Typograph und Bauhaus-Mitbegründer und der Arbeiter-Journalist und Kommunist Georg Stibi, der nach seinem Exil in Mexico 1946 nach Ostdeutschland zurückkehrte und später in der DDR Chefredakteur von Neues Deutschland wurde, als Botschafter in der Tschecheslowakei abgestellt war und stellvertretender Außenminister wurde.
Beide zeichnen hauptverantwortlich für den 1944 gegründeten Verlag „La Estampa Mexicana“, was nichts anderes beudeute, als die Arbeit der Grafiker*innen auf solide vertriebstechnische Beine zu stellen und den Versuch zu unternommen zu haben finanzielle Stabilität zu erzeugen.
Auffällig ist ebenfalls, dass auf Fotos der TGP und ihrer Zusammenkünfte für diese Zeit viele weibliche Grafiker*innen vertreten sind. Die bekannteste unter ihnen dürfte Mariana Yampolsky sein, darüber hinaus waren tätig Fanny Ravel, Elizabeth Catlett, Sarah Jiménez Vernis, Leticia Ocharán, Celia Calderón u.a., als Gastgrafikerin zudem Mercedes Quevedo.

Blatt der Calaveras | MendezViele Jahre lebte im der TGP die Tradition weiter, einmal im Jahr (Flug)Blätter mit Calaveras zu gestalten, jeweils zu aktuellen Themen | Grafiken von Leopoldo Mendez

Auszüge des Statuts der TGP

…verabschiedet bereits 1945. Veröffentlicht 1956.

1. Der TGP st ein kollektives Arbeitszentrum für die angewandte Produktion, aber auch das Studium der Grafik, der Malerei und der unterschiedlichsten Reproduktionstechniken.

2. Der TGP bemüht sich ständig darum, mit seinen Arbeiten dem mexikanischen Volk zu dienen, die Nationalkultur zu verteidigen und zu bereichern, was nur in einem unabhängigen Mexiko und in einer Welt des Friedens möglich ist.

3. Der TGP denkt, dass eine Kunst im Dienste des Volkes die soziale Wirklichkeit der Zeit wiederspiegeln muss und dass die Einheit zwischen realistischer Form und Inhalt gewahrt sein muss. Auf dieser Grundlage arbeitet die Werkstatt an einer konstanten Verbesserung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Mitglieder, denn das Ziel, eine Kunst im Dienste des Volkes, kann nur erreicht werden bei bester künstlerischer Qualität.

4. Der TGP arbeitet zusammen mit anderen Werkstätten und Institutionen des Kultursektors, den Arbeiterorganisationen und mit allen fortschrittlichen Bewegungen im Allgemeinen.

5. Der TGP verteidigt die Meinungsfreiheit und die beruflichen Interessen der Künstler.

(Grundsatzerklärung und Statuten der Werkstatt für Volkstümliche Grafik A.C., Januar 1956, Statuten: 6-8 Welche verschiedenen Arten von Mitgliedern es gibt, Rechte und Pflichten der Mitglieder: 9-12, Die Organe des TGP: 13-19, Der Präsident: 20-24, Allgemeines und Sanktionen: 25-30)

aus: Taller de Gráfica Popular, Werkstatt für grafische Volkskunst – Plakate und Flugblätter zu Arbeiterbewegung und Gewerkschaften in Mexiko 1937-1986, Ibero-Amerikanisches Institut, Helga Prignitz-Poda, S. 121, 2002

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Oaxaca gibt nicht auf http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/31/oaxaca-gibt-nicht-auf/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/31/oaxaca-gibt-nicht-auf/#comments Sat, 31 Mar 2018 20:12:24 +0000 Administrator Notizen des Alltags Unterwegs Hintergrund Erlesenes http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/31/oaxaca-gibt-nicht-auf/ Holzschnitt_Oaxaca_PressefreiheitHolzschnittplakat | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

21.3.2018 | Oaxaca. Oaxaca zeigt sich bei unserer Ankunft gleich von seiner protestiven Seite. Wir stehen fast eine Stunde im Stau, weil es einen Parro, eine Straßensperre, einer der größeren Einfallsstraßen gibt. Wie wir später erfahren, haben Lehrer*innen ihren Forderungen Ausdruck verliehen, auch wenn wir nicht herausfinden konnten, worin diese genau bestehen. Auf dem Zocálo, dem zentralen Platz des historischen Zentrums, begegnen uns so genannte Plantones, vergleichbar mit den Protestformen der Occupy-Bewegung der letzten Jahre. Zelte, Transparente und Plastikplanen auf öffentlichen Plätzen gegen Vertreibung und Enteignung des zuvor selbst bestellten Feldes. Die verblichenen Transparente geben nicht nur Auskunft über die gesetzlich verordnete Vertreibung der Protestierenden, die blasse Schrift gibt auch Zeugnis über die Ignoranz etablierter Politik ab. In den umliegenden Straßen des historischen Zentrums, welches zum Weltkulturerbe zählt, sprechen Plakate eine deutliche Sprache. Gewalt an Frauen, das Verschwinden der 43 Student*innen, das Warnen vor dem aktuellen Gesetz der inneren Sicherheit sowie Polizeibrutalität wird auf den Holzschnittmotiven der Plakate thematisiert. Tourist*innen ziehen vorbei, die Selfie-Stange im Anschlag, bereit für das nächste selbstbezogene Selbstbestätigungsfoto…

Besetzt die Wellen

Als über 2000 Frauen unterschiedlicher sozialer Organisationen im Zentrum Oaxacas am 1. August 2006 zur Fernsehstation des Canal 9 drängten und um eine Stunde Redezeit von den Machern des Senders CORTV baten, war dies kein Zufall. Genau jener staatliche Sendekanal hatte eine mit üblem Vokabular geführte Berichterstattung über die Proteste der sozialen Bewegungen, die sich zur APPO zusammengeschlossen hatten, vom Zaun gebrochen. Die Frauen besetzten schließlich den Sender.
APPO ist die Abkürzung für Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca, Volksversammlung der Völker Oaxacas. Seit Juli 2006 ist dieser Zusammenschluss, der aus mehr als 350 Gruppierungen besteht als APPO im Bundesstaat Oaxaca aktiv. Ausgangspunkt dieser basisdemokratischen Organisierung war der Aufstand der Lehrer*innen  bzw. der Lehrendengewerkschaft im Mai 2006 in der Stadt Oaxaca. Die APPO besteht u.a. aus Gewerkschaften, Bauern-, Studierenden- und Indígena-Organisationen.

Holzschnitt_Oaxaca_Gerechtigkeit_43Holzschnittplakat | „Gerechtigkeit oder gewaltsame Revolution“ | Die „43″ verweist auf die 43 verschwundenen Student*innen in Mexico, die vermutlich auf das Konto der Polizei/Paramilitärs gehen | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

Anlaß für die Proteste der Lehrendengewerkschaft SNTE (Sindicato Nacional de Trabajadores de la Educación) war im Grunde die Wahl Ulises Ruiz Ortiz, der Partei PRI, der bereits 2004 zum Gouverneur des Bundesstaates Oaxaca gewählt worden war. Die Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die Mexiko von 1929 bis 2000 regierte gilt als korrupt, machtbesessen und pflegt eine repressive Haltung gegenüber emanzipatorischen, sozialen Bewegungen. Ruiz Ortiz wurde zudem vorgeworfen, durch Wahlbetrug an die Macht gekommen zu sein. Tieferliegende Ursache ist jedoch eher die Tatsache, dass Oaxaca einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos ist, in dem besonders die indigene Bevölkerung – ähnlich wie im südlicheren Chiapas – größtenteils in deklassierter Armut lebt.
Der Aufstand von 2006 kam also nicht aus dem Nichts, zumal seit 2004 verschiedene Indigena-Organisationen zahlreiche Proteste gegen die Regentschaft Ruiz Ortiz initiiert hatten.
Als am 22. Mai 2006 die Lehrenden mit ihren Protesten höhere Löhne und eine bessere Ausstattung der Schulen forderten, ließ Ruiz Ortiz eine Lehrendenversammlung auf dem Hauptplatz von Oaxaca gewaltsam aufzulösen, nachdem er zuvor jegliche Verhandlungen abgelehnt hatte. Bei den anschließenden heftigen Auseinandersetzungen schlugen Protestierende und Einwohner*innen die Polizei zurück, die daraufhin mehrere Monate lang Oaxaca nicht mehr betreten konnte. Schon bei diesen Auseinandersetzungen kamen drei Lehrkräfte und ein Kind um.
Ruiz Ortiz wurde aus dem Regierungsgebäude vertrieben und versuchte daraufhin, sein Amt als Gouverneur zum Regieren vom Bundesstaat vom internationalen Flughafen von Oaxaca auszuüben.
All diese Ereignisse bildeten den Hintergrund für die Gründung der APPO. Denn Demonstrant*innen und Bevölkerung fürchteten gewaltsame Reaktionen von Policía Federal Preventiva (PFP), Paramilitärs und dem Militär. Deshalb bildeten soziale Bewegungen, Gewerkschaften, Bauern- und Indigena-Organisationen die APPO.

Holzschnitt_Oaxaca_BauernwiderstandHolzschnittplakat | Machete als Symbol ländlichen Widerstands gegen Vertreibung und Verarmung | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

Anhaltende Widerständigkeit

Zentraler Ort des Widerstands wird bis zum November 2006 der Zocálo Oaxacas sein. Das Rückgrat des Widerstands bilden die zahlreichen Kommissionen der organisationsstarken APPO. Trotz massiver Übergriffe der Polizei, brutaler Angriffe von Paramilitärs in Kooperation mit dem Bundesheer bleibt der Zocálo als Zeltstadt der Kernort des Widerstands. Die Eskalationsstrategie seitens des Staates umfasst das ganze Arsenal an Niedertracht von gezielten Tötungen bekannter Aktivist*innen, Infiltration, (illegalen) Hausdurchsuchungen, Verwüstungen von Wohnungen und sozialen Treffpunkten. Doch die Aktionen auf Seiten der Proteste sind vielfältig und hartnäckig. Neben besetzten Teilen der Universität, permanentem Ausstand der Lehrenden, der oben beschriebenen Aneignung eines staatlichen Fernsehkanals, organisieren die widerständigen Protstler*innen Anfang Oktober einen Marsch Richtung Mexico Stadt, um mit der Regierung in Verhandlung zu treten. Hier sind ideell-strategische Einflüsse der zapatistischen Bewegung unübersehbar.

Niederringen von Widerstand

Es kommt in Mexico-Stadt tatsächlich zu Verhandlungen und letztlich zu Teileinigungen, was auch bedeutete, dass die Lehrenden in Oaxaca den Unterricht wieder aufnahmen. Aus der heutigen Perspektive ist jedoch ersichtlich, dass diese so genannten Verhandlungen ein weiteres Feigenblatt etablierter Machtpolitik war, um Widerstand einzudämmen, zu zermürben und mittels Hoffnung auf ernsthaften Dialog die Protestierenden einzulullen.

Am 27. Oktober 2006 werden während Auseinandersetzungen zwischen APPO-Mitgliedern und Paramilitärs der US-amerikanische Polit-Aktivist und Indymedia-Reporter Bradley Roland Will aus New York sowie der Lehrer Emilio Alonso Fabián und Esteban López Zurita erschossen.
Der damalige mexikanische Präsident Vicente Fox nimmt den Mord an Brad Will zum Anlass, um die Bundespolizei PFP in Oaxaca einmaschieren zu lassen.
Nur zwei Tage später rückt erneut eine Streitmacht von ungefähr 3.500 Bundespolizisten, 3.000 Militärpolizisten sowie 3.000 Soldaten in Oaxaca ein. Trotz dieser erdrückenden Übermacht wehren die Besetzer*innen in harten Auseinandersetzungen die angestrebte Räumung des Zocálo ab. Das Konfrontationsniveau wird seitens des Staates hochgeschraubt; bei den Kämpfen werden mindestens zwei Menschen getötet, Polizeiüberfälle auf Häuser von Aktivisten bilden neben Hubschraubereinsätzen zum Abwerfen von Tränengasgranaten, die perverse Begleitmusik.

Holzschnitt_Oaxaca_Gegen StaatsterrorismusGrafittiplakat | „Es reicht!“ Schluss mit Staatsterrorismus – Gesetz zur Inneren Sicherheit“ | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

Vorläufiges Ende

Trotz hohem repressiven militärischen Drucks, gelingt es der APPO Mitte November 2006 einen mehrtägigen Kongress zur Entwicklung von Gegenkonzepten zu neoliberaler Privatisierungs- und Extraktionspolitik durchführen. Ziel ist schlussendlich, Oaxaca eine neue Verfassung zu geben. Es gründet sich ein Rat von 260 Vertretern verschiedener Regionen des Landes, dem auch 40 Vertreter der Lehrendengewerkschaft angehören. Aufgabe dieses Rates soll es sein, alternative politische Vorschläge zu entwickeln.
Zum Abschluss am 17. November 2006 kommt es abermals zu schweren Auseinandersetzungen mit Militär und Polizei,  deren Folge 17 getötete Aktivist*innen, zahlreiche Verletzte und über 40 Verhaftete sind.
Die in der darauffolgenden Woche am 25. November 2006 durchgeführte Großdemonstration fordert erneut drei Tote Demonstrant*innen, beim Versuch den Zocálo wieder zu besetzen, auch 160 Verhaftete sind zu beklagen.
Im Laufe des Novembers werden die letzten besetzten Orte (in der Universität) aufgegeben.
Ab Dezember folgen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen gegen bekannte Aktivist*innen, einige verschwinden aus der Stadt und tauchen unter, um der Rache von Paramilitärs, Polizei und Staatsanwalt zu entkommen.

Holzschnitt_Oaxaca_Es gibt keine PrinzessinnenHolzschnittplakat | „Prinzessinnen gibt es nicht“ | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

Wahrheitskommission

Der Aufstand der APPO ist nach 6 Monaten faktisch Ende November/Anfang Dezember 2006 beendet. Die Folgen sind noch jahrelang spürbar, auch heute sind die Lehrer*innen eine der stärksten sozialen Organisierungen, auch wenn die APPO als Zusammenschluss in den folgenden Jahren nach 2006 politisch nicht mehr an die Dynamik des Aufstandes anknüpfen konnte. Die Repression ist hierfür sicherlich einer der ausschlaggebenden Faktoren.
2009 erklärte der oberste mexicanische Gerichtshof, dass sich Ruiz Ortiz 2006/07 schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht habe. Als 2010 im Bundesstaat Oaxaca eine Vielparteienkoalition aus PAN, PRD, Convergencia und PT unter Führung Gabino Cué Monteagudo an die Regierungsmacht kommt, wird die Schuld der Vorgängerregierung eingestanden, gar Entschädigungszahlungen vereinbart und nach Druck von Basisinitiativen und einigem Zögern der Bildung einer unabhängigen Wahrheitskommission (Comisión de la Verdad) zugestimmt. Diese nimmt im November 2014 ihre Arbeit auf. 2016 sollte ein vorläufiges Untersuchungsergebnis vorgelegt werden, das jedoch bis heute nicht zum Abschluss gekommen ist…


Zeitungsartikel zur Besetzung des Fernsehkanals durch die Frauen von Oaxaca
| La Jornada
Konflikt in Oaxaca | Wikipedia

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Universität der Erde http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/10/universitaet-der-erde/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/10/universitaet-der-erde/#comments Fri, 09 Mar 2018 23:37:43 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund Profession http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/10/universitaet-der-erde/ Wandgemälde | Caracol Zapatista | UdlT | 05032018Wandgemälde „Caracol Zapatista “ auf dem Gelände der Universidad de la Tierra (Universität der Erde) | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

9.3.2018 | San Cristóbal de las Casas Als am 1.1.1994 die EZLN (Ejercito Zapatista de Liberación Nacional) aus dem lakandonischen Urwald der Berge Chiapas in die Stadt San Cristóbal kam, war ihr Ruf zunächst ein „Ya basta!“, es reicht. Letzter Anlaß des Aufstandes war das inkrafttretende Handelsabkommen NAFTA, zwischen den U.S.A., Canada und Mexico, welches Mexico in weniger als 20 Jahren von einem ernährungssouveränen Staat zu einem abhängigen Lebens- und Grundnahrungsmittel impotierenden gemacht hat.
Auf Pferden, bewaffnet mit Gewehren, Knüppeln und Holzgewehren nahmen die Zapatisten den Regierungspalast ein und trugen ihre Forderungen mit Pasamontañas maskiert vor; Land, Brot, Arbeit, Gerechtigkeit, Demokratie und Würde.
Politischs Ziel war es, im ärmsten Teil des Landes auf die unwürdige Situation der verschiedenen indigenen Völker/Nationen bzw. Gemeinden weltweit aufmerksam zu machen.

Die Kunstfigur Subcomandante Marcos drückte es so aus:
„Und seht doch wie die Dinge sind; damit sie uns sehen/beachten, vermummen wir unser Anlitz, damit sie uns beim Namen nennen, negieren wir einen zu besitzen, wir setzen unsere Gegenwart auf Spiel, damit wir eine Zukunft haben können; und um zu leben… sterben wir“.

Die indigene, zapatistische Bewegung existiert in der (Welt)Öffentlichkeit seit nunmehr fast 25 Jahren, hat trotz des Unwillens der „schlechten Regierung“ zu einem aufrichtigen Dialog, trotz grassierenden staatlich subventionierten Paramilitarismus‘, längst begonnen der kapitlistisch durchstrukturierten Welt den Rücken zuzukehren und eigene Ansätze aufzubauen.

Auf Empfehlung von Freund*innen besuchten wir einen dieser Ansätze, die zapatistische „Universidad de la Tierra“ der CIDECI, die im Norden am Rande der Stadt liegt.
Wir betraten verunsichert das Universitätsgelände und fanden zunächst in achteckigen Formen konstruierte Gebäude mit zapatistischen Wandmalereien vor. Da wir mehr erfahren wollten, schickte uns ein Student zum Herrn „Doctor“, der sich als eine Art Leiter des Projektes herausstellte.

Das Gelände

Ein weitläufiges, am Berghang sich in den Wald erstreckendes Areal. Im unteren Bereich, Richtung Stadt, befinden sich diverse Lehrwerkstätten, am Hang terrassenartig angebaut, Landwirtschaft und im oberen Bereich Viehzucht.
Zwischen den Lehrwerkstätten befinden sich zwei große Auditorien und eine Art Kirchensaal. Das größte Auditorium ist für internationalen/interkulturellen Austausch vorgesehen. Darüber hinaus gibt es eine Mensa und ein Sportgelände.

Auditorium | UdlT | 05032018Auditorium der zapatistischen Universidad de la Tierra (Universität der Erde) | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

Die Lehrwerkstätten

Sie bilden im Grunde für die hiesige Gesellschaft notwendige Handwerksberufe ab.
Lehrwerkstätten zu folgenden Berufen konnten wir besichtigen:
Bäckerei, Tortilla-Herstellung, Großküche, Holz- und Metallwerkstätten, Elektroinstallation, Elektronik und Radio, Automechanik, Schuhherstellung, Weberein und Nähereien, Raum für Schreibmaschinen-Kurse, Architektur und Design, Malerei, Gravur (Holzschnitt und Radierung), Sieb- und Offsetdruckerei, Buchbinderei, Musikschule, Bibliothek.
Alle Gebäude, ihr Interior etc. sind selbst konstruiert und erbaut.

Am Hang, im Außengelände, finden wir Landwirtschaft, vor allem Kleingärtnerei, Gewächshäuser, damit zusammenhängend Kräuter und Heilkunde sowie Gesundheitsversorgung und Ernährung. Dazu gehören Tierstallungen mit Hühnern, Kanninchen, Schafen, Schweinen, einem Eseln und Fischzucht.

Offset Druckmaschine | UdlT | 05032018Offset Druckmaschine, ähnlich der GTO von Heidelberg | Grundlage ist Mechanik, so daß Ersatzteile selbst hergestellt werden können | Lehrwerkstatt Druck der zapatistischen Universidad de la Tierra (Universität der Erde) | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

Im Zentrum der Lehrwerkstätten steht ein Gebäude, das vor allem an jedem Donnerstag seine Funktion entfaltet. Hier findet in den Abendstunden eine Versammlung von bis zu 40 Personen statt, die aus Student*innen, Lehrkräften und internationalen Gästen besteht. Hier wird das eigene Lernen, Dasein, politisch, sozial wie international einzuordnet, eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse vorgenommen. Aus der internationalen Presse werden Veröffentlichungen gemeinsam gelesen und sich darüber ausgetauscht. Dies findet in drei Sprachen statt, in den indigenen Sprachen Tzeltal, Tsotzil und Spanisch. Diese Dreisprachigkeit gilt im übrigen für den gesamten Lehransatz.

Der Lehransatz

Als wir mit dem Werkstattleiter der Schuhherstellung sprachen, wurde deutlich, für wen die „Universität der Erde“ gedacht ist. Für die umliegende Bevölkerung, eine Mischung aus Stadt und Land, in der Regel zwischen 12 und 25 Jahren.
Alle Werkstätten sind offen für Mädchen wie für Jungen, lediglich der Musikunterricht findet zum Teil getrennt-geschlechtlich statt.
Soweit wir das erfragen konnten, gab es dafür folgende Begründung; auch hier – ähnlich wie auch in unserer Gesellschaft – sind die Berufe tendenziell und traditionell dem einen oder anderem Geschlecht zugewandt. So finden sich in der Weberei eher mehr Frauen und in der Automechanik und Schreinerei tendenziell mehr Männer.
In der Küche, Bäckerei und zunehmend in der Schuhherstellung mischt es sich beispielsweise ausgleichend. Deshalb gibt es zeitlich Angebote für Mädchen und Jungen, damit es keine ausschließenden Überschneidungen mit den anderen Fächern gibt.

Schweissen | UdlT | 05032018Schweissarbeiten in der Metall-Lehrwerkstatt der zapatistischen Universidad de la Tierra (Universität der Erde) | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

Auf unsere leistungsorientierte Nachfrage bezüglich Abschlüssen, Noten oder generell Bewertungen, ernteten wir unverständliche Blicke. In dieser Universität gibt es weder ein Semestersystem, noch von Lehrern, noch vom Kurrikulum festgelegte Zeiten oder Bestimmungen darüber, welcher Lehrbereich mit welchem zu kombinieren sei.
Die Lernenden nehmen üblicherweise an drei Ausbildungsrichtungen parallel teil. Sie wählen frei ihre Bereiche und wie viel Zeit sie in welchem Bereich verbringen. Es gibt zwar ein Tagesrhythmus von vier Lehreinheiten, aber, ob jemand eine Woche oder ein Jahr oder drei Monate oder drei Jahre in einem Bereich voranschreiten möchte, ist ihm/ihr selbst überlassen und auch, wann er beginnt zu studieren und wie lange. Die Lust am Lernen ist der Kern.
Die Lehrer sind Wissende und Begleiter. Dieser Ansatz ermöglicht den Student*innen das Lernen in ihren notwendigen Alltag aus Arbeit und Bedingungen wie Armut, Ausschluss, Diskriminierung als Indigene zu integrieren.
Dazu gehört auch, daß das Essen, Material und die Lehre selbst kostenlos sind.
Es gibt keine Verpflichtungen, außer der, sich am Erhalt der Universität als Ganzes zu beteiligen. D.h., daß an Samstagen und Sonntagen zusammen gründlicher gereinigt und die Instandhaltung und Verbesserung der Werkstätten und gemeinschaftlichen Gebäude umgesetzt wird. Ansonsten findet der Unterricht für die regelmäßigen 100 Studierenden von montags bis freitags statt. Zuweilen beherbergt die Universität 200-300 Studierende, je nach politischer Lage und oder durch Kampagnen, die von der zapatistischen Bewegung angeregt wurden.

Das Stemmen des Gesamtprojektes in finanzieller Hinsicht lebt von der Selbstbeteiligung, Selbstorganisation, Eigenproduktion, Spenden und gelegentlichen Events mit internationalen Gästen. Internationale Gäste können die Werkstätten und Räumlichkeiten nutzen und zahlen beispielsweise einen solidarischen Preis, dies sei eine wichtige Einnahme, erklärte uns der Rektor.
Zur Unabhängigkeit dieser Universität gehört ein eigenes Generatorsystem zur Erzeugung von Strom sowie eine entsprechende Wasserversorgung. In ihren Anfängen, seit 2006, wurde ihnen z.B. der Strom abgestellt, da die EZLN als Befreiungsarmee unter Verfolgung und Repression steht. Das gesamte Projekt steht unter dem Schutz der EZLN.

Wandgemälde | Memoria | UdlT | 05032018Wandgemälde auf dem Gelände der zapatistischen Universidad de la Tierra (Universität der Erde) | „Aus der Erinnerung/Geschichte haben wir die Worte gegessen“ | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

Da es sich im Konflikt des mexikanischen Staates und seiner Paramilitärs gegen die EZLN und die indigene Bevölkerung um einen sogenannten permanenten Krieg niedriger Intensität handelt, bekommt das auch die Universität zu spüren. Regelmäßige Überwachung und Schikane gegen Lehrer*innen und Studierende ist, laut Aussage des Rektors, an der Tagesordnung, das gilt insbesondere für Zeiten wie jetzt z.B. im Vorfeld der Wahlen in Mexiko im Juli.

Keine Elite, keine Pickel

Einerseits sticht die Fortschrittlichkeit dieses Lehransatzes ins Auge, hier ist die für klassistische und geschlechtsspezifische verantwortliche Unterdrückung maßgebliche Trennung von dem Hand- und Kopfarbeit aufgehoben. Andererseits steht Sinnhaftigkeit und Spaß am Lernen im Zentrum, als quasi Gegenkonzept zum Mythos der Messbarkeit von Erlerntem durch vorgegebene Examen, Tests und sonstige Leistungsabfragen.

Bajar y no subir | Graffiti | San Cristobal | 032018„Bajar y no subir“, Runterkommen und nicht nach oben wollen | „Construir y no destruir“, erschaffen und nicht zerstören | „Proponer y no imponer“, vorschlagen und nicht durchsetzen/aufzwingen | einige zentrale Losungen der EZLN | San Cristóbal, Chiapas | 5.3.2018

Und wie erfrischend einfach der Ansatz daher kommt, in den wissenschaftlichen Debatten der (Erwachsenen)Pädagogik wird von fortschrittlicherer Seite rumgeeiert, nur, damit der Kern des Problems, die kapitalistische Verwertbarkeit menschlicher Wissensressourcen bei gleichzeitiger Disziplinierung und ideologischer Einhegung ins bestehende System nicht offen ausgesprochen oder gar abgeschafft gehört. In Wissenschaft und den Lehrinstitutionen herrscht ein übler, klassistischer Standesdünkel. Die meisten ehemaligen Fachhochschulen konnten 2008/09 bei einer Gesetzesänderung gar nicht schnell genug ihren Namen abstreifen, um endlich Universität als Bezeichnung tragen zu dürfen. Dass auch hier die fatale Trennung von Hand- und Kopfarbeit sowie ihre gesellschaftliche Bewertung (eklatant unmoralische Unterbezahlung von Handarbeit) Hintergrund für eine solche Anbiederung an eine vermeintliche gesellschaftliche Elite ist, war kein Thema. Elite ist so überflüßig wie ein Pickel am Arsch.
Ein Credo der zapatistischen Bewegung ist „Bajar y no subir“, „Runterkommen und nicht nach oben wollen“.

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Türme wachsen nicht ewig, sie stürzen ein ¦ Maya Kultur Teil 3 http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/02/tuerme-wachsen-nicht-ewig-sie-stuerzen-ein-maya-kultur-teil-3/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/02/tuerme-wachsen-nicht-ewig-sie-stuerzen-ein-maya-kultur-teil-3/#comments Fri, 02 Mar 2018 04:19:59 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/03/02/tuerme-wachsen-nicht-ewig-sie-stuerzen-ein-maya-kultur-teil-3/ Maya-Stätte in Palenque | Chiapas | 27.02.2018Maya-Stätte in Palenque | Chiapas | 27.2.2018

1.3.2018 | Palenque. Imperien kommen, steigen auf und fallen in sich zusammen. So auch die verschiedenen Maya-Stadtstaaten in Mesoamerika, welches territorial gesehen Teile der heutigen Staaten Mexico, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador umfasst. Der Beginn der Maya-Kulturen wird auf ca. 2000 v. Chr. datiert, das Ende etwa auf das 16./17. Jahrhundert. Die Blütezeit der verschiedenen Stadt-Staaten liegt in unterschiedlichen Epochen, jedoch zwischen 600-900 n. Chr. gilt größtenteils im heutigen mexikanischen Gebiet als architektonisch und die Kriege betreffend als fortgeschrittene und intensive Phase der Maya. Ursachen für das Zusammenbrechen und Schrumpfen ehemals großer Städte inklusive ihrer vormals festgefügten hierarchischen politischen, religiösen und sozialen Strukturen werden heute durchaus kontrovers diskutiert. Möglicherweise erbringen die neuesten Laserverfahren, die es ermöglichen im Urwald vergrabene Städte ausfindig zu machen und gar 3-dimensional darzustellen, ergänzende bzw. korrigierende Erkenntnisse bezüglich der verschiedenen Ansätze.

Von oben nach unten

Brett vorm Kopf (fliehende Stirn), Hasenzähne und schielende Augen waren neben reichhaltigem Schmuck aus Jade und Federn sowie – mit heutigem Vokabular belegt – gepiersten Ohren, Lippen und Nasen u.a Schönheitsideale der herrschenden Oberschicht.
Prinzipiell waren die Maya-Gesellschaften vertikal aufgebaut, zusammengekittet über ihre kosmopolitischen Vorstellungen von der Welt, des Himmels und der Unterwelt, ausgeübt in ihrer polytheistischen Religion. Dies generierte eine Gesellschaft von Oberen, Herrschenden, die sich durch familiäre, clan-ähnliche Traditonen aufrecht erhielten. Zu dieser Oberschicht gehörten die herrschenden Familien, bestimmte anerkannte Berufsgruppen wie Architekten, (Kunst-)Handwerker, Mathematiker, Astrologen, Mediziner u.a.
Für sie waren die (heiligen) Orte rund um die Herrschaftshäuser, Tempel- und Grabanlagen vorbehalten. Hier lebte nicht der Großteil der Menschen, diese lebten außerhalb der oftmals architektonisch abgegrenzten Areale. Diese Abgrenzungen waren nicht selten Mauern. Heute würde möglicherweise das Wort der „gated communities“ eine passende Beschreibung abgeben.
Die Herrschenden lebten in den Teilen der Städte, die heute als Ruinen erhalten sind, während das gemeine Volk in einfachen, aus Holz und Lehm konstruierten Häusern und Hütten lebte. Sie waren die schaffende Arbeitskraft für die Visionen der Herrschenden bzw. die konkreten Pläne der Architekten. Nach heutigen Kategorien in harter Sklavenarbeit, denn Tempel, wie der Tempel der Inschriften in Palenque, benötigten z.t über 20 Jahre Bauzeit und forderten einen hohen Schweis- und Blutzoll.
In weniger intensiven Bauphasen war die Abgabe eines Teil der Ernten als Nahrungsgrundlage für die Oberen üblich, in kriegerischen Zeiten fanden umfangreiche Aushebungen statt, um Massen an Kämpfenden zur Verfügung zu haben.
Je pompöser die Epoche, desto vertikaler die Gesellschaftsstruktur, desto mehr Ressourcen an Material und Menschen mußte auf die Beine gestellt werden. Wir finden bei den Maya eine ausdifferenzierte Klassengesellschaft vor, durchaus mit Elementen der Sklaverei.
Lesen und Schreiben der Schrift konnten in der Regel nur Personen der Oberschicht. Die Schrift der Maya, die nicht in Form eines Alphabets entwickelt wurde, sondern komplexe Bedeutungszusammenhänge abbildete, kombiniert mit einem auf 20 basierdenden Zahlensystem, wurde in Stein gemeißelt, bzw. in den letzten Phasen auch zu Papier gebracht. Vergleichbar mit heutigen Piktogrammen, die sich ebenfalls z.T. nur aus ihrem historischen Zusammenhang verstehen lassen.
Als das religiös bedeutendste Buch gilt heute das Popol-Vuh, die (vorhersagenden) Kalendarien wiederum geben Auskunft über Erntezeiten, Feiertage und Wetterlagen.
Auch in Bezug auf das Popol-Vuh gibt es eine (post)koloniale Fußnote: Insgesamt existieren noch 4 Exemplare weltweit, alle wurden verschleppt und bis heute nicht zurück übereignet. Sie befinden sich in den USA und Europa, eines gar in der BRD.

Wasserfälle Roberto Barrios | Chiapas | 28.02.2018Wasserfälle Roberto Barrios | Autonom verwalteter Lokaltourismus in zapatistischem Gebiet | Chiapas | 28.02.2018

Implosion oder Türme stürzen ein

Herrschende, religiöser Kult, exorbitante Architektur, machtrivalisierende Traditionslinien adliger Familien, Kriege und strategische Bündnisse um Territorien, schlußendlich Reichtum benötigt Ressourcen, extrahiert und umgewandelt aus der Natur und es benötigt v.a. Arbeitskraft, Soldaten; große Mengen an Menschen.
Als die spanischen Conquistadoren Anfang des 16. Jahrhunderts mit der Unterjochung der Maya begannen, ihre Kultur zerstörten und das Christentum in ihre Körper einpflanzten, waren die allermeisten der großen Maya-Stadtreiche bereits verlassen, geschrumpft bzw. dienten der Maya-Bevölkerung für spezielle spirituelle Akte und Feste. 300 Jahre zuvor entvölkerten sich die ehemals zum Himmel ragenden Prachtbauten.
Mehrere Faktoren stehen bis heute zur Diskussion, die das Ende der historischen Maya-Kultur erklären könnten. Schwindende Ressourcen für den Erhalt der auf Vertikalität aufgebauten verschwenderischen Stadtstaaten, v.a. die Abholzung z.b. zur Herstellung von Mörtelkalk und Stuck sowie einfacher Häuser bei gleichzeitiger Klimaveränderung wie anhaltende Dürreperioden, werden als Ursachen des Verfalls vermutet.
Ebenso die in den letzten Phasen vor dem Zusammenfall zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Machtzentren, wiederum Ergebnis inneren Machtverlustes, aufgrund von Versorgungsproblemen auch größerer Teile der Bevölkerung. Dieser vermutete Hintergrund kann überdies innere (Klassen)Konflikte bedingt haben.
Für diese These spricht auch, dass die ehemals heiligen, pompösen Kerne der Städte von der Oberschicht dem Verfall überlassen wurden, während einige tausend Menschen um die vormaligen Machtzentren angesiedelt blieben bzw. sich später wieder dort ansiedelten.
Die spirituelle Ausrichtung blieb erhalten sowie die jahrhundertalten Traditionen ihrer Ausübung, aber die Kaste göttergleicher Herrscher – jahrhundertelang zwischen wenigen Famielen weitervererbt – verschwand. Übrig blieben weitesgehend kleine Ansiedlungen mit geistgen Früher*innen, die über reichhaltiges reichem medizinisches Wissen verfügten und Dorfvorstehenden.
Bleibt zu hoffen, dass die neu angewendeten Forschungsmethoden u.a. Erkenntnisse über das Leben der einfachen Bevölkerung liefert, auf dass nicht lediglich die Geschichte der Herrschenden (weiter)geschrieben werde.

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Maya-Aufstand ¦ Guerra de Castas http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/21/maya-aufstand-guerra-de-castas/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/21/maya-aufstand-guerra-de-castas/#comments Wed, 21 Feb 2018 00:09:29 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/21/maya-aufstand-guerra-de-castas/ Cenote \"Xpanche\" | Ek Balam | 2018Cenote „Xpanche“ in der Nähe der Maya-Stätte Ek Balam | 13.2.2018

20.1.2018 Valladolid/Rio Lagartos. Valladolid gilt so einigen Einwohner*innen als Chispa, als Funke, als Ort der Widerständigkeit, nicht nur wegen der Widerstandskraft der Maya gegen den Conquistadoren des Montejo-Clans.
Auch im sogenannten »Guerra de Castas« (Kastenkrieg) war Valladolid u.a Ausgangspunkt der Intialzündung sich gegen die Spanischen Besatzer, Großgrundbesitzer und die katholische Kirche zu erheben. Das betonte unser Guia der Free Walking Tours Roberto, als er darauf hinwies, dass die offizielle Geschichtsschreibung davon ausgeht, dass der Kastenkrieg aus anderen Gründen (Hinrichtung eines Maya-Kämpfers) und an einem anderen Ort (Tihosuco) ausgelöst worden sei.
Roberto wusste folgende Geschichte zu berichten: Die Kirchenvertreter Valladolids wiesen die Maya-Familien Mitte des 19. Jahrhunderts an, ihre 15-jährigen Töchter zu ihrem eigenen Schutz und ihrer Gedeihung in das örtliche Kloster zu übergeben. Dies war keine Empfehlung, sondern eine Anordnung, wie es bereits über 300 Jahre Anordnungen mit gottesfürchtiger Ableitung gegeben hatte.
Monate vergingen und unter ständigen Ausreden, religiösen Ausflüchten wurde den Familien nicht erlaubt, ihre Töchter im Kloster zu besuchen oder auch nur zu sehen. Als die Familienangehörigen immer misstrauischer wurden, sandten sie einen jungen Mann, der über die Mauer des Klosters spähen sollte, um zu sehen, ob die Töchter überhaupt im Kloster seien und lebten.
Als die Töchter nach ihrer morgendlichen Messe in den Garten des Klosters traten, hatte der junge Maya zu berichten, dass sie alle geschwängert seien. Das war der Tropfen zum Überlaufen nach jahrhundertelanger Knechtschaft, Unterdrückung und katholischer Begleitmusik.
Die Maya bewaffneten sich mit ihren Bau-, Handwerks- und Landwirtschaftswerkzeugen, brannten das Kloster und seine Einrichtung nieder und töteten die Vertreter Gottes auf Erden.
In der einzigen diagonal verlaufenden Straße, dem ehemaligen Sak Bé, hatte sich die wohlhabende Schicht der Spanier*innen eingerichtet, Häuser im Kolonialstil errichtet – je höher die Fassade, desto reicher. Hier fand nun die Rache der Maya, später bekannt als Cruzoob, statt. Sie zerrten die Mestizen, wie Spanier aus den Häusern, töteten, erniedrigten sie, legten ihre Leichen sichtbar in die Hauseingänge und vergewaltigten z.T.  Frauen und Mädchen.
Bevor es ab 1847 zu weiteren Aufständen der Cruzoob kam, hatte Valladolid bereits der Funke gezündet. Der sogenannte Kastenkrieg dauerte über 50 Jahre auf der Halbinsel Yucatán, sein Ende wird offiziell auf das Jahr 1901 datiert. Einzelne, eher isolierte Aufstände fanden noch bis ins Jahr 1935 statt. Bisherige Forschungen gehen davon aus, dass 40-50.000 Opfer in diesem harten Krieg zu beklagen seien.

Die Cruzoob

Cruzoob (Kreuzler) war die Selbstbezeichnung der Maya-Kämpfer in der Zeit des Kastenkrieges, die den Kult des Sprechenden Kreuzes praktizierten. Die Bezugnahme auf ein in ein Baum geschnittenes Kreuz entspringt der Erzählung des damaligen spirituellen und dann auch militärischen Anführers der Maya-Aufständischen. Dieser (José Maria Barrera) habe die Aufforderung zum Aufstand gegen die Weißen direkt von Gott erhalten, der durch das Kreuz zu ihm gesprochen habe.
Mehrere Aspekte des Kultes des Sprechenden Kreuzes basieren wiederum auf Mythen traditioneller Vorstellungen der Maya, was überhaupt erst seine Durchschlagskraft ausmachte und zur Gründung einer Stadt führte (Chan Santa Cruz).
Chan Santa Cruz wurde zum Widerstandszentrum der Cruzoob.
Das eingeschitzte Kreuz befand sich auf einem Baum (Ceiba = Lebensbaum der Maya), der aus einer Höhle (heiliger Ort) wuchs, in der Nähe einer Cenote, die wiederum ein Ort des Regengottes Chaac war.

Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Sykretistischer Lebensbaum | 12.2.2018Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Sykretistischer Lebensbaum; christliches Kreuz und grüner Ceiba | Valladolid | 12.2.2018

Synkretismus und Maya-Staat

Diese Art von Sykretismus ist auch heute durchaus weit verbreitet. So ist einerseits der Katholizismus verankert, andererseits die religiösen Traditionen der Maya-Erzählungen und -symbolismen präsent. Die Kirchen sind erstaunlich gut besucht, oft hängt hier auf der Halbinsel ein grünes Kreuz, welches eben gleichzeitig Ceiba symbolisiert. Das sich selbst »kreuzigen« beim Betreten eines bedeutenden Ortes ist ebenso verbreitet, wie sich anschließend beim Picknick Geschichten vom Regengott Chaac oder der Mondgöttin Ix Chel zu erzählen. Hängt indessen ein weißes Baumwollhemd mit traditionell gestickten Motiven über dem grünen Kreuz in einem Haus, so ist dies das Aufgreifen des Symbols der ehemaligen Aufständischen Cruzoob, deren Maya-Republik zwischen Valladolid, Tulum und Bacalar nur wenige Jahrzehnte Bestand hatte (1850-1901).

Ihre gegründete Hauptstadt Chan Santa Cruz wurde von den mexikanischen Militärs unter General Ignacio Bravo 1901 eingenommen, völlig zerstört und erhielt seinen Namen: Santa Cruz de Bravo. Anschließend wurden die umliegenden Waldgebiete an ausländische Holzkonzerne verkauft, die intensive Abholzung und Kautschukgewinnung betrieben. General Bravo wurde mit dem Posten des Gouverneurs für das Territorium Quintana Roo belohnt.
Im Zuge der mexikanischen Revolution (1910-1921) wurde General Bravo als Gouverneur von Quintana Roo durch General Salvador Alvarado abgelöst, der den Auftrag hatte, die sozio-ökonomischen Ursachen des Krieges zu beseitigen und der den Kastenkrieg im September 1915 für beendet erklärte. In den 1920er Jahren wurden die 1901 geraubten Ländereien im Gebiet des einstigen Chan Santa Cruz an die Maya-Dorfgemeinden rückübertragen.
Seit 1930 trägt dieses ehemalige Zentrum des Maya-Aufstandes den Namen Felipe Carrillo Puerto.

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Valladolid ¦ Funke für Unbotmäßigkeit http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/#comments Wed, 14 Feb 2018 03:57:10 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/ Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Valladolid |12.2.2018Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Valladolid |12.2.2018

12.2.2018 | Valladolid Die Stadt Valladolid mit ihren ca. 50.000 Einwohner*innen liegt im Inland in der unmittelbaren Nähe der Maya-Stätten Ek Balam und Chichén Itzá. Dies ist auch der ursprüngliche Grund unseres Aufenthaltes. Auch hier ist die Bezugnahme auf die historische Maya-Kultur präsent. Valladolid ist durchaus touristisch, jedoch (noch) nicht so überlaufen wie die Küste der Provinzen Yucatáns und Quintana Roo.
Valldolid hat nicht nur sechs große christliche Kirchen bzw. ein Franziskaner Ex-Kloster, die nahe legen, wie dominant und unbarmherzig der Katholizismus diesen Ort und seine Menschen durchsetzte. Neben Campeche und Merida war sie die bedeutendste Stadt für die spanischen Conquistadoren bzw. ihre herrschenden Oberschichten.
Valladolid ist in der Lesart seiner heutigen Bewohner*innen mit historischen Wurzeln der Maya rückblickend gesehen ein Hort des Rebellentums und des Widerstands.

Moskitos und Conquista

Schon 1543 gründeten spanische Conquistadoren unter Führung von Kriegsherr Montejo an einer Lagune gelegen in einiger Entfernung vom heutigen Valladolid eine gleichnamige Ansiedlung, zu Ehren der damaligen Hauptstadt Spaniens mit eben diesem Namen. Von der spanischen Krone war ihm die Eroberung und Unterwerfung der Halbinsel Yucatán angetragen worden, nachdem er sich schon im Fahrwasser von Hernán Cortés als Conquistador bewiesen hatte.
Moskitos und Gelbfieber, dass die neuen spanischen Siedler geißelte, zeugten jedoch eher von limitiertem Wissen des als Kriegsstrategen eingesetzten Montejo. Nach zwei Jahren wurde Montejo als Stadthalter Spaniens durch die Siedler mittels einer Petition gedrängt, die Siedlung zu verlegen, da die mit Versprechen gelockten spanischen Siedler nicht nur verrückt wurden wegen der Moskitos, sondern auch drohten, Montejo bei der spanischen Krone anzuschwärzen, da er die Eroberung mangelhaft durchführe.
Montejo startete den Versuch nach Zaci (heutiges Valladolid) umzusiedeln.
Zaci – auf Maya »der weiße Sperber« – war ein an Cenoten gelegener Ort, der für ihre Einwohner*innen auch spirituell von Bedeutung war, was auf fast alle Orte der Maya zutraf (siehe letzten Einträge).
Über zwei Jahre hielt der Widerstand der Maya in Zaci bis sie in die Sklaverei getrieben und ihre Bauten dem Erdboden gleichgemacht wurden. So gilt das Jahr 1546 als Gründungsjahr der heutigen Stadt Valladolid, ihr Gründer ging in die Geschichte ein: Francisco de Montejo.

Norte, Sur y Centro_Popol-vuh_PachecoMaya-Schöpfungsgeschichte: Der Mensch wird aus Mais geboren. Werk: Norte, Sur y Centro – Popol-vuh | Fernando Castro Pacheco | 1970-77 | Palacio de Gobierno de Mérida Yucatán


Franziskaner und Conquista

In der Bundesrepublik kennen die meisten Menschen den Begriff des Franziskaner als Name für eine Biersorte. Wäre es nur das, wäre ein selbstverantworteter Rausch das Schlimmste, was ein Franziskaner anrichten kann…
Nun gelten die Franziskaner und ihre Spielarten als Heilige unter den Heiligen, da sie ein Bettelorden sind, der eremitische Franz von Assisi ihr Namensstifter ist und sie selbst noch im 1500 Jahrhundert z.T. als Häretiker beschuldigt wurden. Aber bereits im 1600 Jahrhundert waren Franziskaner – schon aufgrund ihrer Popularität beim einfachen Volk – als Puristen und authentische Gläubige mit ihrer ohne Wohlstand vollzogenen Lebensweise und des Eintretens für Arme und Entrechtete, eine feste Größe in der katholischen Kirche.
Da ihre rigorose Auslegugen des Dienens für Gott nicht nur Fürsprecher hatte, v.a. nicht bei den Herrschenden, die ja herrschten, damit sie prassen konnten, war der Aufbruch in die »neue Welt« eine neue Chance, ihren Missionierungsansatz hier unter die Menschen zu bringen.
So auch in Valladolid in Yucatán. Nachdem die Stadt in der Hand der Conquistadoren war, begann der Bau des Franziskaner-Klosters 1552, welches in nur acht Jahren fertiggestellt wurde. Der eine oder andere indigene Sklave dürfte dabei draufgegangen sein, auch wenn das »Convento de San Bernadino« eher schmucklos daherkommt, im Vergleich zu anderen Orten christlichen Monotheismus‘.
Die Mönche erweisen sich dann gleich als moderne Strategen der Privatisierung. Nicht nur wurde das Kloster mit Steinen der ehemaligen heiligen Stätten der Maya aufgebaut, sondern direkt auf den Fundamenten desselben. Diese Art der doppelten Vernichtung von Kultur durch die Siegerkultur findet sich tausendfach und systematisch in Mexico.
Damit nicht genug, die ehemals zugängliche Cenote als existenzielle Wasserquelle und heiliger Ort wurde in die Klostermauern eingeschlossen, zugänglich für die Mönche und ihre Kräutergärten, die sie u.a. mit dem Wissen der unterworfenen Maya anlegten. Was für ein Setting. Mit Waffengewalt, der Bibel in der Hand, in den Kopf geprügelt, Herren über Wasser und Land, wurde Valladolid zu einem Zentrum der spanischen Conquistadoren.
Der Sak Bé, die Straße der Maya – die einzige diagonale Straßenführung, in der durch die Spanier systematisch in Quadraten angelegten Stadt – heißt heute »Calzada de los Frailes«, Pflasterstraße der Mönche.
Diese Straße war dann auch Schauplatz der Rache der Maya im »Guerra de Castas« (Krieg der Kasten), 300 Jahre später 1847, der über 50 Jahre dauerte; der Aufstand der Maya gegen Weiße und Mestizen.

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Berechnungen ¦ Maya Kultur ¦ Teil 2 http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/#comments Mon, 12 Feb 2018 02:45:44 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/ Ek Chuah | Maya Gottkeit Handel Krieg
Ek Chuah | Darstellung der Maya-Gottheit für Handel und Krieg

4. Februar 2018 | Tulum. Von den abstrahierenden Überlegungen zum Dualismus zurück zu den Stufen der Maya-Tempel, ihren Gottheiten, den astrologisch/mathematischen Berechnungen und ihrer Infrastruktur.
Der Ort der Maya-Stätte in Cozumels Zentrum liegt genau um ein vielfaches von 52 (wie zuvor erwähnt sind 52 Jahre der Zeitraum, den die beiden Maya-Kalender orientiert an Sonne und Mond benötigen, um sich zu treffen) von der Küste westlicherseits gemessen. Die Thesen der bisherigen Forschung gehen jedenfalls davon aus, dass das Konstruieren von Städten, Infrastruktur und religiösem Bauten stark von der spirituellen Welt dominiert ist, diese wiederum fußt auf handfesten astrologischen und mathematischen Berechnungen. So lässt sich an den baulichen Überresten erkennen, dass die Orte unter Berücksichtigung der vier Himmelsrichtungen entworfen wurden. Jeder Ort ist also faktisch eine Art Kompass, der es den Menschen ermöglichte sich leicht zu orientieren, zumeist begleitet vom Wissen um Sonnenstand, Mondposition, z.B. Lage des Jupiters, des Polarsterns und anderer Gestirne sowie lokal bedingtes Wissen über Zyklen der Winde.

Kurz und plausibel

Die durchschnittliche Körpergröße der Maya wird aufgrund der Funde und Architektur auf 1,40 – 1,60 m geschätzt, weshalb die Zu- und Eingänge heute eher kleiner erscheinen. Oftmals sind die Durchgänge im Mauerwerk mit dem typischen nach oben hin konisch bzw. treppenartigen Bogen versehen (Kragbogen). Sechs Steine auf jeder Seite des Bogens und oben aufsitzend der 13. Auch hier schlägt erneut die Mathematik und Spiritualität der Maya durch: in der Zeitenrechnung spielen die Zahlen 13 und 20 eine wesentliche Rolle (z.B. 13 Baktunes). Um die Durchgänge in Form der sog. Kragbogen gibt es hier verschiedene Thesen, auf jeden Fall ist der Kragbogen als quasi Rundbogen ohne ein zusätzliches Gerüst zu erbauen, was sicherlich ein wesentliches Argument ist, auch wenn die Maya-Baukultur bereits Kalkmörtel kannte. Jedoch finden sich nicht nur in den Kragbõgen zahlenspielerische Hinweise bezüglich seinerzeit angewandter mathematischer Systeme in Kombination mit zugeschriebenen göttlichen Eigenschaften.

Ek Balam | Maya-Stätte bei Valladolid | 11.02.2018
Ek Balam | Maya-Stätte bei Valladolid | 11.02.2018

Laterale Notwendigkeiten

Auch zu den Treppen der weitesgehend rechteckigen Pyramidenbauten gibt es unterschiedliche Thesen. Zunächst wurde bei den z.T. kurzstufigen Treppen davon ausgegangen, dass eben v.a. die vergleichsweise geringe Körpergröße ursächlich für die »kleinen« Stufen seien. Unser Guia Raúl hatte eine kulturell-gesellschaftlich begründete These: Die Stufen, die ja entweder zu einem König bzw. einem Priester hinauf führten, wurden lateral bestiegen. Zwei notwendige gesellschaftliche Regeln wurden damit bedient; einerseits schaute man dem König bzw. Priester nicht direkt in sein Antlitz, noch direkt in die Augen, andererseits drehte man seiner Familie, der man ebenfalls innig verpflichtet war, nicht den Rücken bzw. den Hintern zu. Mit dem seit!ich ausgerichteten Besteigen hielt man gewissermaßen die bestehenden Konventionen ein. Nicht weniger plausibel, als die etwas kurz gedachte These der Körpergröße, die bisher nicht wirklich überzeugend war, da auch kleinere Menschen als im Durchschnitt heute, nicht so kurze Füße haben, wie zahlreiche Treppen dies nahelegen würden.

Handel und Krieg

Neben den Eingängen, den Pyramidenbauten, wird ein drittes baulich-infrastrukturelles Phänomen im Zusammenhang der zahlreichen Maya-Stätten stets erwähnt; Sak Bé. Die weißen Straßen der Maya-Kulturen. Die aus den vier Himmelsrichtungen auf die Stätten bzw. Städte zulaufenden Straßen wurden mit weißem Sand bzw. zermahlenen Muscheln bedeckt, so dass auch bei Nacht unter Zuhilfenahme des Mondlichtes diese Sak Bé eine optimale Orientierung boten. Auch wurden diese Straßen zuweilen als Verbingungsadern zwischen den Orten, Städten und heiligen Plätzen bezeichnet. Hier erhält der Begriff der Versorgungswege seinen Sinn, denn der Handel mit diversen Gütern war weit verbreitet in der Maya-Kultur, wie Funde von damaligen Zahlungsmitteln wie Cacao-Bohnen oder bestimmte Muscheln belegen.
Apropos Handel und Cacao; ziemlich interessant und weitsichtig ist der in der Maya-Spiritualität beschriebene Gott für Handel, Ek Chuah, der nicht nur den reisenden Händlern Glück, Wohlstand und Schutz gewähren sollte, sondern gleichzeitig auch als schwarzer Kriegsherr abgebildet wurde. Auch hier findet sich erneut das Konzept des nicht gespaltenen Dualismus wieder, verschiedene – widersprüchliche – Eigenschaften werden zusammen gedacht, ohne dass sie per se einer Wertung unterworfen werden.
Über die verschiedenen gesellschaftlichen Stände und das kosmische Weltbild mehr in den nächsten Beiträgen.

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