.zersetzer. http://zersetzer.blogsport.de in a world of grey black is a colour Fri, 16 Feb 2018 04:23:49 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Valladolid ¦ Funke für Unbotmäßigkeit http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/#comments Wed, 14 Feb 2018 03:57:10 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/14/valladolid-funke-fuer-unbotmaessigkeit/ Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Valladolid |12.2.2018Kunsthandwerk | Casa de los Venados | Valladolid |12.2.2018

12.2.2018 | Valladolid Die Stadt Valladolid mit ihren ca. 50.000 Einwohner*innen liegt im Inland in der unmittelbaren Nähe der Maya-Stätten Ek Balam und Chichén Itzá. Dies ist auch der ursprüngliche Grund unseres Aufenthaltes. Auch hier ist die Bezugnahme auf die historische Maya-Kultur präsent. Valladolid ist durchaus touristisch, jedoch (noch) nicht so überlaufen wie die Küste der Provinzen Yucatáns und Quintana Roo.
Valldolid hat nicht nur sechs große christliche Kirchen bzw. ein Franziskaner Ex-Kloster, die nahe legen, wie dominant und unbarmherzig der Katholizismus diesen Ort und seine Menschen durchsetzte. Neben Campeche und Merida war sie die bedeutendste Stadt für die spanischen Conquistadoren bzw. ihre herrschenden Oberschichten.
Valladolid ist in der Lesart seiner heutigen Bewohner*innen mit historischen Wurzeln der Maya rückblickend gesehen ein Hort des Rebellentums und des Widerstands.

Moskitos und Conquista

Schon 1543 gründeten spanische Conquistadoren unter Führung von Kriegsherr Montejo an einer Lagune gelegen in einiger Entfernung vom heutigen Valladolid eine gleichnamige Ansiedlung, zu Ehren der damaligen Hauptstadt Spaniens mit eben diesem Namen. Von der spanischen Krone war ihm die Eroberung und Unterwerfung der Halbinsel Yucatán angetragen worden, nachdem er sich schon im Fahrwasser von Hernán Cortés als Conquistador bewiesen hatte.
Moskitos und Gelbfieber, dass die neuen spanischen Siedler geißelte, zeugten jedoch eher von limitiertem Wissen des als Kriegsstrategen eingesetzten Montejo. Nach zwei Jahren wurde Montejo als Stadthalter Spaniens durch die Siedler mittels einer Petition gedrängt, die Siedlung zu verlegen, da die mit Versprechen gelockten spanischen Siedler nicht nur verrückt wurden wegen der Moskitos, sondern auch drohten, Montejo bei der spanischen Krone anzuschwärzen, da er die Eroberung mangelhaft durchführe.
Montejo startete den Versuch nach Zaci (heutiges Valladolid) umzusiedeln.
Zaci – auf Maya „der weiße Sperber“ – war ein an Cenoten gelegener Ort, der für ihre Einwohner*innen auch spirituell von Bedeutung war, was auf fast alle Orte der Maya zutraf (siehe letzten Einträge).
Über zwei Jahre hielt der Widerstand der Maya in Zaci bis sie in die Sklaverei getrieben und ihre Bauten dem Erdboden gleichgemacht wurden. So gilt das Jahr 1546 als Gründungsjahr der heutigen Stadt Valladolid, ihr Gründer ging in die Geschichte ein: Francisco de Montejo.

Norte, Sur y Centro_Popol-vuh_PachecoMaya-Schöpfungsgeschichte: Der Mensch wird aus Mais geboren. Werk: Norte, Sur y Centro – Popol-vuh | Fernando Castro Pacheco | 1970-77 | Palacio de Gobierno de Mérida Yucatán


Franziskaner und Conquista

In der Bundesrepublik kennen die meisten Menschen den Begriff des Franziskaner als Name für eine Biersorte. Wäre es nur das, wäre ein selbstverantworteter Rausch das Schlimmste, was ein Franziskaner anrichten kann…
Nun gelten die Franziskaner und ihre Spielarten als Heilige unter den Heiligen, da sie ein Bettelorden sind, der eremitische Franz von Assisi ihr Namensstifter ist und sie selbst noch im 1500 Jahrhundert z.T. als Häretiker beschuldigt wurden. Aber bereits im 1600 Jahrhundert waren Franziskaner – schon aufgrund ihrer Popularität beim einfachen Volk – als Puristen und authentische Gläubige mit ihrer ohne Wohlstand vollzogenen Lebensweise und des Eintretens für Arme und Entrechtete, eine feste Größe in der katholischen Kirche.
Da ihre rigorose Auslegugen des Dienens für Gott nicht nur Fürsprecher hatte, v.a. nicht bei den Herrschenden, die ja herrschten, damit sie prassen konnten, war der Aufbruch in die „neue Welt“ eine neue Chance, ihrenMissionierungsansatz hier unter die Menschen zu bringen.
So auch in Valladolid in Yucatán. Nachdem die Stadt in der Hand der Conquistadoren war, begann der Bau des Franziskaner-Klosters 1552, welches in nur acht Jahren fertiggestellt wurde. Der eine oder andere indigene Sklave dürfte dabei draufgegangen sein, auch wenn das „Convento de San Bernadino“ eher schmucklos daherkommt, im Vergleich zu anderen Orten christlichen Monotheismus‘.
Die Mönche erweisen sich dann gleich als moderne Strategen der Privatisierung. Nicht nur wurde das Kloster mit Steinen der ehemaligen heiligen Stätten der Maya aufgebaut, sondern direkt auf den Fundamenten desselben. Diese Art der doppelten Vernichtung von Kultur durch die Siegerkultur findet sich tausendfach und systematisch in Mexico.
Damit nicht genug, die ehemals zugängliche Cenote als existenzielle Wasserquelle und heiliger Ort wurde in die Klostermauern eingeschlossen, zugänglich für die Mönche und ihre Kräutergärten, die sie u.a. mit dem Wissen der unterworfenen Maya anlegten. Was für ein Setting. Mit Waffengewalt, der Bibel in der Hand, in den Kopf geprügelt, Herren über Wasser und Land, wurde Valladolid zu einem Zentrum der spanischen Conquistadoren.
Der Sak Bé, die Straße der Maya – die einzige diagonale Straßenführung, in der durch die Spanier systematisch in Quadraten angelegten Stadt – heißt heute „Calzada de los Frailes“, Pflasterstraße der Mönche.
Diese Straße war dann auch Schauplatz der Rache der Maya im „Guerra de Castas“ (Krieg der Kasten), 300 Jahre später 1847, der über 50 Jahre dauerte; der Aufstand der Maya gegen Weiße und Mestizen..

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Berechnungen ¦ Maya Kultur ¦ Teil 2 http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/#comments Mon, 12 Feb 2018 02:45:44 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/12/berechnungen-maya-kultur-teil-2/ Ek Chuah | Maya Gottkeit Handel Krieg
Ek Chuah | Darstellung der Maya-Gottheit für Handel und Krieg

4. Februar 2018 | Tulum. Von den abstrahierenden Überlegungen zum Dualismus zurück zu den Stufen der Maya-Tempel, ihren Gottheiten, den astrologisch/mathematischen Berechnungen und ihrer Infrastruktur.
Der Ort der Maya-Stätte in Cozumels Zentrum liegt genau um ein vielfaches von 52 (wie zuvor erwähnt sind 52 Jahre der Zeitraum, den die beiden Maya-Kalender orientiert an Sonne und Mond benötigen, um sich zu treffen) von der Küste westlicherseits gemessen. Die Thesen der bisherigen Forschung gehen jedenfalls davon aus, dass das Konstruieren von Städten, Infrastruktur und religiösem Bauten stark von der spirituellen Welt dominiert ist, diese wiederum fußt auf handfesten astrologischen und mathematischen Berechnungen. So lässt sich an den baulichen Überresten erkennen, dass die Orte unter Berücksichtigung der vier Himmelsrichtungen entworfen wurden. Jeder Ort ist also faktisch eine Art Kompass, der es den Menschen ermöglichte sich leicht zu orientieren, zumeist begleitet vom Wissen um Sonnenstand, Mondposition, z.B. Lage des Jupiters, des Polarsterns und anderer Gestirne sowie lokal bedingtes Wissen über Zyklen der Winde.

Kurz und plausibel

Die durchschnittliche Körpergröße der Maya wird aufgrund der Funde und Architektur auf 1,40 – 1,60 m geschätzt, weshalb die Zu- und Eingänge heute eher kleiner erscheinen. Oftmals sind die Durchgänge im Mauerwerk mit dem typischen nach oben hin konisch bzw. treppenartigen Bogen versehen (Kragbogen). Sechs Steine auf jeder Seite des Bogens und oben aufsitzend der 13. Auch hier schlägt erneut die Mathematik und Spiritualität der Maya durch: in der Zeitenrechnung spielen die Zahlen 13 und 20 eine wesentliche Rolle (z.B. 13 Baktunes). Um die Durchgänge in Form der sog. Kragbogen gibt es hier verschiedene Thesen, auf jeden Fall ist der Kragbogen als quasi Rundbogen ohne ein zusätzliches Gerüst zu erbauen, was sicherlich ein wesentliches Argument ist, auch wenn die Maya-Baukultur bereits Kalkmörtel kannte. Jedoch finden sich nicht nur in den Kragbõgen zahlenspielerische Hinweise bezüglich seinerzeit angewandter mathematischer Systeme in Kombination mit zugeschriebenen göttlichen Eigenschaften.

Ek Balam | Maya-Stätte bei Valladolid | 11.02.2018
Ek Balam | Maya-Stätte bei Valladolid | 11.02.2018

Laterale Notwendigkeiten

Auch zu den Treppen der weitesgehend rechteckigen Pyramidenbauten gibt es unterschiedliche Thesen. Zunächst wurde bei den z.T. kurzstufigen Treppen davon ausgegangen, dass eben v.a. die vergleichsweise geringe Körpergröße ursächlich für die „kleinen“ Stufen seien. Unser Guia Raúl hatte eine kulturell-gesellschaftlich begründete These: Die Stufen, die ja entweder zu einem König bzw. einem Priester hinauf führten, wurden lateral bestiegen. Zwei notwendige gesellschaftliche Regeln wurden damit bedient; einerseits schaute man dem König bzw. Priester nicht direkt in sein Antlitz, noch direkt in die Augen, andererseits drehte man seiner Familie, der man ebenfalls innig verpflichtet war, nicht den Rücken bzw. den Hintern zu. Mit dem seit!ich ausgerichteten Besteigen hielt man gewissermaßen die bestehenden Konventionen ein. Nicht weniger plausibel, als die etwas kurz gedachte These der Körpergröße, die bisher nicht wirklich überzeugend war, da auch kleinere Menschen als im Durchschnitt heute, nicht so kurze Füße haben, wie zahlreiche Treppen dies nahelegen würden.

Handel und Krieg

Neben den Eingängen, den Pyramidenbauten, wird ein drittes baulich-infrastrukturelles Phänomen im Zusammenhang der zahlreichen Maya-Stätten stets erwähnt; Sak Bé. Die weißen Straßen der Maya-Kulturen. Die aus den vier Himmelsrichtungen auf die Stätten bzw. Städte zulaufenden Straßen wurden mit weißem Sand bzw. zermahlenen Muscheln bedeckt, so dass auch bei Nacht unter Zuhilfenahme des Mondlichtes diese Sak Bé eine optimale Orientierung boten. Auch wurden diese Straßen zuweilen als Verbingungsadern zwischen den Orten, Städten und heiligen Plätzen bezeichnet. Hier erhält der Begriff der Versorgungswege seinen Sinn, denn der Handel mit diversen Gütern war weit verbreitet in der Maya-Kultur, wie Funde von damaligen Zahlungsmitteln wie Cacao-Bohnen oder bestimmte Muscheln belegen.
Apropos Handel und Cacao; ziemlich interessant und weitsichtig ist der in der Maya-Spiritualität beschriebene Gott für Handel, Ek Chuah, der nicht nur den reisenden Händlern Glück, Wohlstand und Schutz gewähren sollte, sondern gleichzeitig auch als schwarzer Kriegsherr abgebildet wurde. Auch hier findet sich erneut das Konzept des nicht gespaltenen Dualismus wieder, verschiedene – widersprüchliche – Eigenschaften werden zusammen gedacht, ohne dass sie per se einer Wertung unterworfen werden.
Über die verschiedenen gesellschaftlichen Stände und das kosmische Weltbild mehr in den nächsten Beiträgen.

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Eine gute Frage ¦ Maya Kultur¦ Teil 1 http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/05/eine-gute-frage-maya-kultur-teil-1/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/05/eine-gute-frage-maya-kultur-teil-1/#comments Mon, 05 Feb 2018 20:39:30 +0000 Administrator Unterwegs Hintergrund http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/05/eine-gute-frage-maya-kultur-teil-1/ Stateless | Punta del Sur | Isla Cozumel | 01.02.2018
Stateless | Punta del Sur | Isla Cozumel | 01.02.2018


3. Februar 2018 | Isla Cozumel | Tulum Die Isla Cozumel war die am weitesten nach Osten ausgedehnteste Ort der Maya-Kultur. Cozumel selbst wurde ca. im Jahre 800 durch die Maya besiedelt. Zuvor gab es auch karibische Menschen, die die Insel frequentierten, jedoch nur unregelmäßig und v.a. als Jagdgebiet, da die reichhaltige Dschungelvegetation eine für die Ernährung bedeutende Reserve darstellte.
Die Maya-Kultur kannte zu dieser Zeit bereits hydro-kulturelle Anbaumethoden, was sie befähigte auf der Insel Mais und weitere Pflanzen zu kultivieren. Die Besiedelung war für sie v.a. von spiritueller Bedeutung, was heute noch die Ruinen von Tantun Cozumel (San Gervasio), im Zentrum der Insel, bezeugen. San Gervasio ist der Name des späteren mexikanischen Landbesitzers.

Dem Leben zu Licht verhelfen

In der Religion der Maya steht die Göttin Ix Chel für den Schutz des Regenbogens, des Wassers und der Fruchtbarkeit (Schwangere) sowie für Erde und Mond. Da die Sonne im Osten untergeht, der Mond erscheint, ist dieser östliche Ort Ix Chel gewidmet und wurde in den Ritualen der Maya Pilgerort u.a. für Schwangere, die für einen guten Verlauf ihrer Schwangerschaft Opfergaben mitbrachten und sich den örtlichen Herrschenden und geistlichen der Maya präsentierten. Anhand der erhaltenen Verzierungen der Gebäude ist erkennbar, dass die Opfergaben keine Menschenopfer bei den religiösen Ritualen beinhalteten. Auf verschiedenen Mayastätten in Guatemala (Hauptzentrum der Mayagesellschaften) finden sich Abdrücke von Händen; schwarze nach unten gerichtete sowie rote nach oben zeigende Handflächen. Während die schwarzen auf den Tod verweisen, stehen die roten für Blut, das pulsierende Leben selbst. Tatun Cozumel ist ein Ort der Geburt, des neuen Zyklus des Lebens.
Die Zyklen der Maya-Zeitrechnung bestanden aus dem Sonnenzyklus (365 Tage) und dem Mondzyklus (260 Tage); nach 52 Jahren kommen beide Zyklen überein und dies bedeutete für Maya eine Erneuerung. Für ihre Städte und religiösen Zentren hieß das auch baulich eine komplette Erneuerung, Renivierung oder gänzliche Neuerrichtung der Tempel(pyramiden) und Häuser.
Interssante Aspekte der baulichen Prinzipien können heute noch nachvollzogen werden. Abgesehen von reliefartigen Abbildungen diverser Gottheiten, spiritueller Rituale, historischer Ereignisse und des z.T. des (landwirtschaftlichen) Arbeitslebens v.a. auf gemeinschaftlichen Bauten und denen der herrschenden Kasten (König/Königin und Priester/innen), sind die z.T. steil ansteigenden Treppen zu den Tempeln und Regierungsbauten aussagekräftig.

Eine gute Frage

Der professionelle Guia Raúl der Maya-Stätte Tatun Cozumel stellt sich für uns irgendwie als passender Lehrer heraus. Seine lebendige Methode, zunächst eine Frage zu stellen, um dann beiläufig anzumerken, es sei eine gute Frage, um dann wiederum zu fragen, wie können wir dises und jenes heute wissen, führt ihn dann zur kulturell-philosophischen Ableitung, untermauert mit archeologischen Hinweisen und selbst besitzenden kulturellem Wissen als Nachkomme der von ihm nachvollziehbar gemachten Maya-Kultur.
Erinnert mich die Methode fragend voran zu schreiten einerseits an klassische philosophisch-marxistische Lehrstunden, um sich einem Gegenstand zunächst mit einer offenen Frage in dialektisch wahrgenommen Verhältnissen zu nähern, so assoziiere ich sie anderseits mit der zapatistischen Haltung fragend voran zu schreiten (andamos preguntando). 
Hinzu kommt der Vorteil, dass Raúl sich nur mit uns im Dialog befindet, denn nicht viele Besucher*innen haben am heutigen Donnerstagnachmittag den Weg zu diesem musealen Ort gefunden. Es ist ein wirklich dynamisches Hin- und Her von Thesen, die aus den Funden, die auf dem Gelände gemacht wurden, aufgestellt werden könn(t)en, aber gleichzeitig Möglichkeiten offen halten, auch konträre Annahmen zu formulieren. Fragend eben.
Desweiteren ist die Methode amüsant und zudem einnehmend höflich, da Raúl auf auf unsere Fragen regelmäßig einwirft, „das ist eine gute Frage bzw. eine gute Antwort“; es ermuntert zum gegenseitigen Dialog. Auch auf seine selbst in den Raum gestellten (forschenden) Fragen bemerkt er freudig, dass dies eine gute Frage sei. Hingegen stellt er sympathischerweise nicht fest, dass seine Antwort eine gute sei…

Maya-Ruinen | Tulum | 02.02.2018
Maya-Ruinen | Tulum| 02.02.2018

Dualismus

Beim Darstellen der vermutlichen Gesellschaftsstruktur der historischen Maya kommen wir an einen Kernunterschied zwischen der christlichen Dominanzkultur der Conquistadoren und den spirituellen Konzepten der Maya: den Umgang mit (vermeintlichen) Widersprüchen.
Wir kennen die Darstellung von Himmel und Hölle als Gegensätze, die einander ausschließen, sich in Gegnerschaft befinden, sich als feindlich gegenüberstehen. Noch einfacher; das „Gute“ und das „Böse“ existiere in Reinform und ohne das jeweils andere. Darin findet sich der Wunsch bzw. die Obsession sich dem einen (zumeist das „Gute“) zuordnen zu wollen, ohne das andere zu benennen, zu sehen, zu begreifen, v.a. zu sein. Psychologisch der Versuch Komponenten existierender Widersprüche im gleichen System, Organismus oder Struktur abspalten zu wollen, i.d.R. mit dem Ziel der Vernichtung, der Auslöschung.
In der Wahrnehmung der Maya existiert die Welt des Diesseits (auf der Oberfläche der Erde), die Welt des Himmels (Ort von Gottheit/Naturelementen wie Licht, Wind z.B.) und die Unterwelt (ebenfalls Gottheiten und Naturelemente wie Brunnen/Trinkwasser, Wurzeln z.B.) gleichzeitig, gleichwertig und ohne Wertung, sie sind einfach. Die drei Welten stehen in bestimmten Verhältnissen zueinander, aber sind eins in der mayaschen Vorstellung vom Universum. Dies ähnelt mehr Vorstellungen beispielsweise daoistischer Ideen in asiatischen Philosophien, die ja mit dem Symbol des YinYang auch versuchten, mit einer grafischen, nicht schriftlichen Darstellung des einen Universums – als immerwährender Kreislauf aus Werden und Vergehen – eine Entsprechung zu geben. Widersprüche als grundlegendes Prinzip von Bewegung und (Fort-)Entwicklung. Und obwohl in starken Widersprüchen (hoher Kontrast) die Dynamik für das Leben liegt, so doch nicht in einer Reinform, sondern stets das Element des (vermeintlichen) Gegenübers in sich tragend.
In westlichen Denk- und Forschungskonzepten kommt der als kritisch-dialektisches Denken bezeichnete Ansatz des Prinzips der These, Antithese, Synthese am nächsten, mit dem Fokus auf die dynamisch miteinander verflochtenden gegenbezüglichen Wechselwirkungen.
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Mit Sicherheit „Maya“ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/02/mit-sicherheit-maya/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/02/mit-sicherheit-maya/#comments Fri, 02 Feb 2018 00:12:24 +0000 Administrator Notizen des Alltags http://zersetzer.blogsport.de/2018/02/02/mit-sicherheit-maya/ Cancun | Zona Hotelera | 30.01.2018Cancun | Zona Hotelera | 30.01.2018

29.1.2018 | Berlin, Flughafen Tegel. Frühaufstehen gehört ja irgendwie zum leicht fröstelndem Gefühl am Beginn von Reisen. In Begleitung diesen Gefühls dann jedoch von einem Maschinengewehr, in dessen Schlinge ein Uniformierter steckt, angesprochen zu werden, weil das Gepäck deines Mitreisenden für weniger als 5 min. neben dir auf einem Wartesitz liegt, wirkt diesem Frösteln nicht entgegen. Es wird vielmehr auf eine gesellschaftliche Ebene gehoben, die darauf verweist, dass Angst und Mobilisierung gegen einen inneren, permanenten Feind, Teil von Herrschaft ist. Auch der anschließende Scherz der zwei Polizisten zur Auflockerung des angenommenen Bedrohungspotenzials ändert daran nichts.

Zürich Flughafen. Der seit den Ereignissen um 9/11 geführte Diskurs um eine vermeintlich permanente Bedrohung als zivilisiert geltender Flughäfen ist auch in der wohlhabenden Schweiz präsent.
Die hochtechnisierten Personenkontrollen werden mit liberalem, vermeintlich humanistischen Bewußtsein bzw. entsprechender Etikette an uns vollzogen.
Schon in der Wartezone zum Gate wird ein Name von uns erneut aufgerufen, obwohl zuvor alle Pässe der Passagiere, die begehren den Atlantik Richtung Mexiko zu überqueren, registriert und gestempelt wurden. Auf Nachfrage, ob es sich um eine Stichprobe handele oder gezielt sei, wurde nur professionell freundlich erklärt, der Pass müsse einfach nochmals eingelesen werden. Die Erde ist rund, weil sie eine Kugel ist. Danke für diese Tautologie.
Auch antikapitalistische, antifaschistische Arbeit hinterlässt ihre Spuren in den Untiefen europäischer Datenarchive der Sicherheitsbehörden. Auch Danke dafür.

Let’s get Maya

12 Stunden Flug liegen hinter uns, beim Betreten lateinamerikanischen Bodens, fängt uns als erstes der spezifische Geruch ein, als zweites ein agiler Mensch, der uns ein unvergleichliches, sicheres und höchst seriöses Taxi besorgen kann. Wir wollen ja ohnehin eines – Überzeugung braucht es da nicht mehr.
Wir haben Glück mit einem äußerst höflichen Fahrer. Er macht nicht nur unsere Adresse ausfindig, sondern erweist sich als erste Informationsquelle zur Geschichte Cancuns, des anschwellenden Massentourismus‘ und der daraus resultierenden Schleife ökonomischer Abhängigkeit z. B. der Taxifahrenden bei gleichzeitiger Zerstörung ansässiger Kultur und Vertreibung durch steigende Mieten. Das beträfe insbesondere den indigenen Teil der Bevölkerung, also die Nachfahren der Maya.
Unübersehbar ist v. a. im Tourismus, dass „Maya“ zu einem Etikett für vermeintliche Authentizität benutzt wird. Profiteure sind die großen Hotelketten und die entsprechenden Kunden mit fettem Geldbeutel, hier v. a. aus den USA. Exotik als Veredelung kostspieligen Konsumtourismus‘. Eine Art zweite Kolonialisierung, indem die ästhetische Vereinnahmung zur Wirkungsmacht für diejenigen wird, deren Profitgier historisch auf Kolonialismus zurückgeht. Die Wirkungsmacht betreibt eben keine historische Aufarbeitung, Ergründung oder will Entschädigung zu leisten, sondern die Erniedrigung weiter vorantreiben, indem sowohl die Leute auf den gigantischen Bauanlagen der zukünftigen Luxushotels durchweg Mayas sind, die an der Vernichtung ihrer eigenen Kultur mit mauern. Die ökonomischen Bedingungen ihrer Lebenswirklichkeit hält sie dazu an. Ebenso die zahlreichen Bediensteten in den Hotels, die fast unsichtbar für Weißhäutige ihre Arbeit verrichten als Putzende, als Security, als Parkwächter, als Rezeptionsdame, als Köchin, als Tellerwäscher, als Fensterputzer oder als Masseurin. Stets freundlich und mit enormer Zurückhaltung.
Gleichzeitig wird seit etwa 5 Jahren wieder die Mayasprache in staatlichen Schulen (nur in der Primarily, da nach nur auf kostspieligen Privatschulen), neben der spanischen Sprache, unterrichtet. Dies, soweit es überhaupt möglich ist, da zahlreiche historische mayasprachliche Artefakte und Überlieferungen noch immer nicht vollständig entschlüsselt sind.

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Unterwegs : En camino http://zersetzer.blogsport.de/2018/01/25/unterwegs-en-camino/ http://zersetzer.blogsport.de/2018/01/25/unterwegs-en-camino/#comments Thu, 25 Jan 2018 19:29:14 +0000 Administrator Notizen des Alltags Unterwegs http://zersetzer.blogsport.de/2018/01/25/unterwegs-en-camino/ 29.1.2018 | Kreuzberg. Mit dem Privileg ausgestattet, drei Monate auf Reisen zu gehen, wird der Blog für diese Zeit den einen oder anderen Eintrag erleben. Wir sind zu zweit unterwegs und begeben uns nach Belize, Mexico und Ecuador.
Wir halten die Augen offen…

GrüÃ�e | SaludosUnd tschüss…

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Rebell: Dean Reed http://zersetzer.blogsport.de/2017/09/12/rebell-dean-reed/ http://zersetzer.blogsport.de/2017/09/12/rebell-dean-reed/#comments Tue, 12 Sep 2017 14:52:19 +0000 Administrator Hintergrund Erlesenes http://zersetzer.blogsport.de/2017/09/12/rebell-dean-reed/ Rebell | Dean Reed

Es reicht nicht aus, nur Lieder zu singen, Gedichte zu schreiben oder Bilder zu malen; es ist darüber hinaus erforderlich, aktiv am Kampf für den Weltfrieden teilzunehmen und seine Kunst, sein Leben all denjenigen Menschen zu widmen, die für ihre nationale Befreiung und Unabhängigkeit eintreten.1

GASTBEITRAG | Andrea Witte | Dean-Reed-Archiv Berlin | 13.06.2017. Das Leben und Wirken von Dean Reed spielte sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ab, in einer bipolar geteilten Welt. Geteilt waren auch die Reaktionen, die er hervorrief: die einen liebten und verehrten ihn, nicht nur als Künstler, sondern weil er sich an der Seite der Unterdrückten engagierte und mit spektakulären Aktionen Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeiten lenkte, andere verachteten ihn dafür, schwiegen ihn tot oder versuchten ihn lächerlich zu machen. Wer war dieser Mann, der so polarisierte?

Der 1938 geborene US-amerikanische Entertainer und Friedensaktivist war Ende der 1950er Jahre als junger Sänger von Colorado nach Hollywood gezogen. Sein Karriereweg führte ihn in den 1960er Jahren über Lateinamerika nach Europa, wo er zunächst in Italien filmte und auf Konzerttournee die Sowjetunion bereiste. Im Sommer der X. Weltfestspiele 1973 heiratete er eine DDR-Bürgerin, nahm hier seinen ständigen Wohnsitz und fand vielfältige Arbeitsmöglichkeiten bei Film und Fernsehen, auf den Konzertbühnen und bei Solidaritätsveranstaltungen.

Seit er in Chile und Argentinien, dem damaligen »Hinterhof der USA«, mit Armut und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit konfrontiert worden war, engagierte er sich in der Weltfriedensbewegung. »Wenn man nach Südamerika fährt, muss man blind sein, nicht die Ungerechtigkeit zu sehen. Es gibt nur zwei Klassen. Eine, vielleicht 20%, die total privilegiert ist, und die anderen 80%, die wirklich in Armut, Elend und Hunger leben.«2 Man könne die Menschen in Südamerika in drei Kategorien teilen: »in Reaktionäre, Revolutionäre und in ‚Blinde‘, die in den Tag hineinleben, nicht sehen können oder nicht sehen wollen, was um sie her geschieht.«3 Da er weder blind noch reaktionär gewesen sei, wurde er zum Revolutionär.

Im April 1962 übte er erstmals öffentlich Kritik an der Politik seiner Regierung. In einer Zeitungsannonce rief er die chilenischen Leser auf, Briefe an den US-Präsidenten Kennedy und den sowjetischen Partei- und Regierungschef Chruschtschow zu schreiben und die Beendigung der Atomwaffentests zu fordern. Amerikanische Diplomaten wurden aufmerksam auf Dean Reed. Versuche, ihn durch die Einziehung des Passes und durch Druck auf Konzertveranstalter und Radiostationen in Peru und Chile einzuschüchtern, schlugen jedoch fehl.4 Auch dass er während der in Chile stattfindenden Fußball-WM 1962 mit der sowjetischen Mannschaft fotografiert wurde, erregte das Missfallen der US-Diplomaten. Im August 1963 nahm er in Los Angeles an einer Bürgerrechtsdemonstration für die Gleichstellung der schwarzen Bürger unter dem Motto »Freiheit jetzt!« teil.

Im Juli 1965 reiste er mit der argentinischen Delegation zum Weltfriedenskongress nach Helsinki. Als ein Zerwürfnis zwischen den sowjetischen und chinesischen Delegierten drohte, ergriff Dean Reed die Hände seiner Nachbarn und begann »We Shall Overcome« zu singen. Nach und nach stimmte der Saal ein. Pablo Neruda dankte ihm dafür, dass er mit seiner Konzerteinlage verhindert habe, dass die Konferenz mit einem Missklang endete.

Nach Argentinien zurückgekehrt, zeigte er in seiner wöchentlichen Fernsehshow ein aus Europa mitgebrachtes Interview mit der sowjetischen Kosmonautin Walentina Tereschkowa. Daraufhin wurde er von der Polizei wegen pro-sowjetischer Propaganda verhört, später wurde auf sein Haus geschossen. 1966 entschloss er sich, mit seiner Frau nach Europa überzusiedeln.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit als Sänger und Schauspieler engagierte er sich weiterhin politisch, setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung der Filmcrew ein. 1969 geriet er in Rom in eine Demonstration gegen den von den USA geführten Krieg in Vietnam, gelangte mit seinem amerikanischen Pass durch die Polizeiketten bis auf die Stufen vor der US-Botschaft und rief mit hochgereckter Faust »Hoch Ho Chi Minh! Stopp dem Bombenterror! Aggressoren raus aus Vietnam!« Die Demonstranten fühlten sich angespornt, er wurde festgenommen, kurz darauf entzog man ihm die Arbeitserlaubnis in Italien.5

Am Vorabend der Stockholmer Konferenz vom 28. bis 30. März 1970 schrieb er das Gedicht FRIEDEN, »gewidmet der tapferen Bevölkerung Südvietnams, den Menschen, die in ihrem gerechten Kampf für nationale Befreiung und Unabhängigkeit ihr Leben einsetzen gegen die Aggression der amerikanischen Regierung und ihrer Marionetten; gewidmet der einzig legalen Regierung und Vertretung: der Provisorischen Revolutionären Regierung Südvietnams.«6

1970 unterstützte Dean Reed den Wahlkampf Salvador Allendes und der Unidad Popular in Chile. Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl wusch er in einer spektakulären Aktion vor dem US-Konsulat in Santiago de Chile symbolisch das Sternenbanner, befleckt mit dem Blut Tausender Vietnamesen, mit dem Blut der schwarzen Bürger der Vereinigten Staaten, mit dem Blut von Millionen Menschen in Südamerika, Asien und Afrika, die unter Diktaturen litten, welche von der Regierung der USA unterstützt wurden.7 Für diese Aktion wurde er das dritte Mal verhaftet. Pablo Neruda protestierte bei der chilenischen Regierung gegen die Inhaftierung und sorgte dafür, dass Dean Reed bei der Ausreise nach Europa seine gereinigte Flagge zurückgegeben wurde.

In der Sowjetunion, der DDR und anderen sozialistischen Ländern war Dean Reed als »Sänger des anderen Amerika« willkommen. Hier legte er sich nicht öffentlich mit den Regierenden an, setzte sich aber hinter den Kulissen für Kollegen ein, machte z.B. seinen Einfluss geltend, damit ein Berufsverbot gegen den Sänger Václav Neckář in der ČSSR aufgehoben wurde, sang gegen die Aufforderung der sowjetischen Kulturministerin auf seinen Konzerten weiterhin »My Jiddische Mama« und »Hawa Nagila« und wurde 1981 für die FDJ zur persona non grata, weil er Bettina Wegners »Kinder« (Sind so kleine Hände…) sang, nachdem die Sängerin die DDR verlassen hatte.

Von seinem Wohnsitz DDR aus, wo er von 1973 bis zu seinem Lebensende 1986 lebte, reiste Dean Reed als Mitglied des Weltfriedensrates zu Veranstaltungen und politischen Aktionen in Länder wie Bangladesch, Irak, Kuba, Argentinien, Nicaragua, Uruguay, zur PLO in den Libanon und 1983 wieder nach Chile, damals unter Herrschaft der Pinochet-Junta. Zehn Jahre nach dem gewaltsamen Sturz der Unidad-Popular-Regierung und dem Tod des Präsidenten Salvador Allende, des Sängers Victor Jara und des Dichters Pablo Neruda, die er persönlich gekannt hatte, sang er vor Bergarbeitern und Studenten erstmals wieder die Hymne »Venceremos«.8

Die Solidarität mit dem geknechteten chilenischen Volk lag Dean Reed besonders am Herzen. »Ich habe an vielen Solidaritätsveranstaltungen für das chilenische Volk teilgenommen. Aber ich dachte immer daran, dass das Publikum zu klein ist. Ich wollte, dass meine Botschaft zur Unterstützung des Kampfes für das chilenische Volk einen noch größeren Kreis erreicht. Deshalb drehte ich diesen Film…«9 Mit »El Cantor«, gedreht in der Personalunion von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller, hat uns Dean Reed einen Film über einen politischen Sänger hinterlassen, angelehnt an das Schicksal Victor Jaras, aber auch die Verkörperung einer Haltung gegen Faschismus und US-Interventionspolitik, die auch die seine war.

Mitte der 1980er Jahre arbeitete Dean Reed an seinem letzten, leider unvollendet gebliebenem Filmprojekt. Thematisch wandte er sich wieder seinem Heimatland USA zu. Dorthin gereist war er immer wieder. 1978 hatte er sich bei einem Besuch in Minnesota mit Farmern solidarisiert, die gegen den Flächenraub durch Energiekonzerne kämpften. Er und etliche Kampfgefährten wurden auf einer Kundgebung verhaftet, erreichten durch einen mehrtägigen Hungerstreik weltweite Aufmerksamkeit und wurden schließlich in einem vielbeachteten Prozess freigesprochen.10

Im Film »Bloody Heart« sollten die Ereignisse in der Indianer-Reservation Wounded Knee aus dem Jahr 1973 lebendig werden, als die Aktivisten vom AIM (American Indian Movement) wochenlang von der Polizei belagert wurden und ausgehungert werden sollten. Jahrelang hatte Dean Reed all seine Energie in die Arbeit am Drehbuch, die Kooperationsverhandlungen mit den sowjetischen Filmpartnern und Kulturbürokraten sowie zuletzt auch in Probeaufnahmen mit seiner Frau Renate Blume gesteckt, die an seiner Seite eine Hauptrolle spielen sollte. Als im Juni 1986 die Verträge unterzeichnet waren und die Dreharbeiten bevorstanden, hatten ihn die beruflichen, politischen und privaten Auseinandersetzungen zermürbt. Würde er die ehrgeizigen Erwartungen erfüllen können? »Sein Hauptargument gegen den Imperialismus war der Wortlaut der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und die von ihr geforderten Menschenrechte. Darin lag auch die Botschaft des geplanten und dann nicht realisierten Filmes. Wenige Wochen vor Drehbeginn mussten wir von ihm Abschied nehmen«, heißt es im Nachruf seines Regiekollegen Günter Reisch.11

Bevor die Leiche Dean Reeds aus dem Zeuthener See geborgen werden konnte, fanden die Ermittler in seinem am Ufer abgestellten Auto einen auf Drehbuchrückseiten geschriebenen Brief, in dem es in holprigem Deutsch u.a. heißt: »…Ich hätte viel liebe auch in Lebanon oder Chile gestorben – Im kamf gegen unseren Feinde. Die Verbrecher die meine Freund überall gefoltert und umgebracht haben. Aber ich schafe daß auch nicht jezt…«12

Auf seinem Grabstein in Colorado steht unter seinem Namen und den Jahresangaben: American Rebel. Und als solchen haben ihn viele Menschen aus den Ländern, in denen er wirkte, bis heute in Erinnerung behalten, andere entdecken ihn neu und lassen sich von seiner Lebensgeschichte inspirieren.

Informationen
Dean-Reed-Archiv Berlin
Documentary »American Rebel«
Dokumentarfilm »Der Rote Elvis«

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Urtubia geht im Morgengrauen zur Arbeit als Maurer, danach verbringt er Stunden in den abgedunkelten Räumen, wo die Druckmaschinen rattern.*

Kreuzberg | 05.08.2017. Ein Baske in Paris. Ein Anarchist in Aktion. Ein Ar­beiter in Solidarität. Bankräuber und moderner Robin Hood. Fälscher und doch authentisch. Alles Beschreibungen, die auf Lucio Urtubia zutreffen und doch sind alle Versuche, einen der umtriebigsten sozial-politischen Fälscher, Bankräuber und Organisatoren der anarchistischen Bewegung zu beschreiben, unzureichend.
Der 1931 in Navarra in ärmlichen Verhältnissen geborene Maurer betreibt heute im Stadtteil Belleville von Paris ein kleines soziales Zentrum mit dem Namen »Espace Louise Michel« und war zuvor Inhaber der kleinen Bau-Firma »atelier 71«. Sowohl das soziale Zentrum als auch sein Unternehmen tragen eine Referenz zur libertären Idee in ihrem Namen.
Lucio Urtubias Leben war bestimmt durch unermüdliche praktische Solidarität. Er versorgte anarchistische und subversive, emanzipatorische Gruppen mit Geld aus Banküberfällen und professionellen Fälschungen von Travellerchecks, baute Büchereien und linke Druckereien mit »organisiertem« Material auf. Er half politisch Verfolgten eine Wohnung zu finden, organisierte Flucht­hilfe und notwendige falsche Pässe und beteiligte sich direkt an Aktionen der GARI [revolutionäre inter­nationalistische Aktionsgruppen], wie der Entführung des Bankiers Baltasar Suárez zum Zwecke der Abschaffung der Todesstrafe des Franquismus.
Bei allen Aktionen zeichnet[e] ihn eine hohe ethische Grundhaltung und politisch motiviertes Vorgehen aus. Die erworbenen Ressourcen stellte er libertären Ideen folgend, der politischen Bewegung und ihren Aktivist_innen zur Verfügung.
Er traf Leute wie Che Guevara und Anarchisten wie Augustin Souchy sowie den Schriftsteller Albert Camus, erlebte 1968 in Paris. Er wurde mehrfach verhaftet und wegen großangelegten Fälschens und Vertriebs von Travellerchecks der First National Bank [heute Citibank] schließlich zu Gefängnishaft verurteilt.
Sein Vorschlag mittels massenhafter Fälschung von US-Dollars zusammen mit Cuba die Nationalökonomie der USA zu untergraben, wurde von Che Guevara abgelehnt. Ebenso schlug die Entführung des französischen Fussballstars Michel Platini [2007-2016 UEFA-Vorsitzender] anlässlich der Fussball WM 1978 fehl, um auf die Verbrechen der Diktatur in Argentinien aufmerksam zu machen.
»Heute kann ich offen sagen, dass ich alle Aktionsgruppen kannte, die es damals gab. […] Ich hatte das Glück, sie kennenzulernen und häufig zu treffen: Italiener, Uruguayer, spanische und französische Anarchisten, Basken, Argentinier und verschiedene irische Gruppen. Alle hatten ihre Gründe zu kämpfen, alle hatten ihr Ideal. Sie kämpften gegen Militärdiktaturen, die franquistische oder die Diktaturen in Amerika. Und alle diese Gruppen wurden von sämtlichen Regierungen als Terroristen angesehen. Für mich waren sie keine Terroristen, sondern Idealisten, deren wichtigster Beweggrund die Rebellion gegen die Tyrannei war, der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. Wie alle hatten sie Familie und Gefühle. Sie waren jung und viele von ihnen haben für ihre Selbstlosigkeit, ihre Solidarität und ihr Streben nach Freiheit teuer bezahlt: mit Gefängnis. […] Der Preis für die Emanzipation, die manche Leute nicht einmal zu schätzen wissen und nicht wollen, und der Preis für bestimmte Akte der Zer­störung, die für den Aufbau dieses Ideals notwendig ist, ist verdammt hoch.«*
Trotz fünf internationaler Haftbefehle im Laufe seines Lebens, lebt Lucio Urtubia heute bescheiden mit seiner Frau in Paris.
Sein Leben ist Gegenstand eines Films »Lucio – Anarchist, Räuber, Fälscher aber vor allem Maurer.« Dieses Dokumentarwerk war dann Anlass sein Leben in einer Autobiografie zu erzählen.

Informationen
Wikipedia | Lucio Urtubia
Anarchie ist eine Notwendigkeit | Interview mit Lucio Urtubia | Zeitschrift Graswurzelrevolution / Nr. 383 / November 2013
Eine Bank auszurauben, ist eine wahre Freude | Gespräch mit Lucio Urtubia | Tageszeitung Junge Welt / 1.6.2013
Frauen im Widerstand mußten Kämpfe radikaler führen | Gespräch mit Anne Urtubia | Tageszeitung Junge Welt / 7.9.2013
Fälscher für die internationale Revolte | ila – Das Lateinamerika-Magazin | Nr. 339 | Oktober 2010

Buchtips
Baustelle Revolution | Erinnerungen eines Anarchisten | Lucio Urtubia | Assoziation A | 2010
Leben, Ideen, Kampf | Louise Michel und die Pariser Kommune von 1871 | Bernd Kramer (Hg.) | Karin Kramer Verlag | Berlin 2001
Anarchismus | Reihe: theorie.org | Hans-Jürgen Degen / Jochen Knoblauch | Schmetterling Verlag | 2006

Filmtips
Lucio – Anarchist, Bankräuber, Fälscher. Aber vor allem … Maurer. | | Dokumentation | Jose Mari Goenaga / Aitor Arregi | Baskenland 2007 | Spanisch mit dt. Untertiteln
Charla con Lucio Urtubia | | Zaragoza | 2015 | spanisch/espagñol
Louise Hires a Contract Killer | | Spielfilm | Benoît Delépine / Gustave Kervern / Mathieu Kassovitz | Frankreich 2008

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