Archiv der Kategorie 'Erlesenes'

Holz, Linoleum und Revolution

Gerippe betrunken tanzendProst! Tanzende Gerippe | Die Totenköpfe und Gerippe vom Grafiker José Guadelupe Posada gelten als Originale dieser Ausdrucksform in Mexico

27.3.2018 | Mexico Stadt. Bereits im Bundesstaat Chiapas fiel uns ins Auge, dass Holz- und Linoleumschnitte eine weit verbreitete und oft genutzte Technik in Mexico zu sein scheinen. In Oaxaca dann springen uns zahlreiche großformatige, politische Wandzeitungen, Stencils und Plakate ins Auge, die meisten sind Linoleum- bzw. Holzschnitte hoher Qualität (siehe Abbildungen im Eintrag „Oaxaca gibt nicht auf“). Was besonders anziehend wirkt, ist die Tatsache, dass diese Drucktechnik hier nicht nur als dekorative Kunst(fertigkeit) auftritt, sondern auch aktuell im Kontext emanzipatorischer sozialer und politischer Protestbewegungen zur Anwendung kommt. Der harte Schwarz-Weiss-Kontrast unterstützt in seinem Ausdruck oftmals die starke Polarisierung in konfliktiven gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Dies wäre – neben dem jeweiligen Stil der Holzhandwerkenden – die ästhetische Seite.
Mit Beginn meiner eigenen Politisierung und der damit verbundenen gestalterischen Arbeit in Form von Schülerzeitungen, Plakaten, Illustrationen, Grafiken, Flugblättern, Spuckis, Aufklebern oder Massenzeitungen stellten wir uns einerseits die Frage, welche technischen Voraussetzungen nötig sind, um agitative und sozial-brauchbare Motive in genügender Auflage bezahlbar zu produzieren und andererseits beschäftigte uns die Frage, welche Techniken faktisch von jedermann und jederfrau zügig erlernbar sind, einfach nach zu ahmen, ausdrucksstark und ebenfalls bezahlbar. [weiter lesen…]

Oaxaca gibt nicht auf

Holzschnitt_Oaxaca_PressefreiheitHolzschnittplakat | Historisches Zentrum Oaxaca | 20.3.2018

21.3.2018 | Oaxaca. Oaxaca zeigt sich bei unserer Ankunft gleich von seiner protestiven Seite. Wir stehen fast eine Stunde im Stau, weil es einen Parro, eine Straßensperre, einer der größeren Einfallsstraßen gibt. Wie wir später erfahren, haben Lehrer*innen ihren Forderungen Ausdruck verliehen, auch wenn wir nicht herausfinden konnten, worin diese genau bestehen. Auf dem Zocálo, dem zentralen Platz des historischen Zentrums, begegnen uns so genannte Plantones, vergleichbar mit den Protestformen der Occupy-Bewegung der letzten Jahre. Zelte, Transparente und Plastikplanen auf öffentlichen Plätzen gegen Vertreibung und Enteignung des zuvor selbst bestellten Feldes. Die verblichenen Transparente geben nicht nur Auskunft über die gesetzlich verordnete Vertreibung der Protestierenden, die blasse Schrift gibt auch Zeugnis über die Ignoranz etablierter Politik ab. In den umliegenden Straßen des historischen Zentrums, welches zum Weltkulturerbe zählt, sprechen Plakate eine deutliche Sprache. Gewalt an Frauen, das Verschwinden der 43 Student*innen, das Warnen vor dem aktuellen Gesetz der inneren Sicherheit sowie Polizeibrutalität wird auf den Holzschnittmotiven der Plakate thematisiert. Tourist*innen ziehen vorbei, die Selfie-Stange im Anschlag, bereit für das nächste selbstbezogene Selbstbestätigungsfoto…

Besetzt die Wellen

Als über 2000 Frauen unterschiedlicher sozialer Organisationen im Zentrum Oaxacas am 1. August 2006 zur Fernsehstation des Canal 9 drängten und um eine Stunde Redezeit von den Machern des Senders CORTV baten, war dies kein Zufall. Genau jener staatliche Sendekanal hatte eine mit üblem Vokabular geführte Berichterstattung über die Proteste der sozialen Bewegungen, die sich zur APPO zusammengeschlossen hatten, vom Zaun gebrochen. Die Frauen besetzten schließlich den Sender. [weiter lesen…]

Rebell: Dean Reed

Rebell | Dean Reed

Es reicht nicht aus, nur Lieder zu singen, Gedichte zu schreiben oder Bilder zu malen; es ist darüber hinaus erforderlich, aktiv am Kampf für den Weltfrieden teilzunehmen und seine Kunst, sein Leben all denjenigen Menschen zu widmen, die für ihre nationale Befreiung und Unabhängigkeit eintreten.1

GASTBEITRAG | Andrea Witte | Dean-Reed-Archiv Berlin | 13.06.2017. Das Leben und Wirken von Dean Reed spielte sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ab, in einer bipolar geteilten Welt. Geteilt waren auch die Reaktionen, die er hervorrief: die einen liebten und verehrten ihn, nicht nur als Künstler, sondern weil er sich an der Seite der Unterdrückten engagierte und mit spektakulären Aktionen Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeiten lenkte, andere verachteten ihn dafür, schwiegen ihn tot oder versuchten ihn lächerlich zu machen. Wer war dieser Mann, der so polarisierte? [weiter lesen…]

Rebell: Lucio Urtubia

Rebell | Lucio Urtubia

Urtubia geht im Morgengrauen zur Arbeit als Maurer, danach verbringt er Stunden in den abgedunkelten Räumen, wo die Druckmaschinen rattern.*

Kreuzberg | 05.08.2017. Ein Baske in Paris. Ein Anarchist in Aktion. Ein Ar­beiter in Solidarität. Bankräuber und moderner Robin Hood. Fälscher und doch authentisch. Alles Beschreibungen, die auf Lucio Urtubia zutreffen und doch sind alle Versuche, einen der umtriebigsten sozial-politischen Fälscher, Bankräuber und Organisatoren der anarchistischen Bewegung zu beschreiben, unzureichend. [weiter lesen…]

Rebell: Camilo Torres

Rebell | Camilo Torres

Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist.*

Kreuzberg | 12.07.2016. Befreiungstheologe, Soziologie-Dozent und eigent­lich katholischer Priester, darüberhinaus Aktivist der 1964 gegründeten kolumbianischen Guerillaorganisation ELN. Eine aus heutiger Sicht höchst ungewöhnliche Kombination an Beschreibungen. Und doch, für Camilo Torres kein Widerspruch. [weiter lesen…]

Rebell: Paco Ignacio Taibo II

Rebell | Paco Ignacio Taibo II

Nein, es gibt keine alleinigen Wahrheiten, und auch keine endgültigen Kämpfe, aber es ist immer noch möglich, uns an möglichen Wahrheiten zu orientieren, im Gegensatz zu den offen­sichtlichen Nichtwahrheiten, und diese zu bekämpfen. Es ist möglich, einen Teil der Wahrheit zu sehen, sie aber nicht als solche zu erkennen. Aber es ist unmöglich, das Böse zu betrachten und es nicht als solches zu erkennen. Das Gute existiert nicht, aber das Böse, glaube ich, oder fürchte ich, schon.*

Kreuzberg | 04.05.2016. Ein Schalk in Nacken, ein dominanter Schnauzer unter der Nase, ständig eine Zigarette im Mundwinkel, umgeben von einem Buch oder einer Zeitung, erzählt uns Paco Ignacio Taibo II seine Geschichten käm­pfender Menschen mit [Selbst-]Bewusst­sein im täglichen Fahrwasser kapitalistischer Unwegbarkeiten oder politischer bzw. kultureller Enge. Es ist oftmals eine in Kriminalroman verpackte Reise über den gesamten Globus, den Spuren revolutio­närer Anliegen folgend. [weiter lesen…]

Rebell: Joe Strummer

Rebell | Joe Strummer

Well, I‘m running // police on my back
I‘ve been hiding // police on my back
There was a shooting // police on my back
And the victim, well // he won’t come back
What have I done?
*

Kreuzberg | 24.07.2015. »The Future is un­written« ist ein 2007 veröffent­lichter, montierter Dokumentarfilm über den charismatischen Sänger der britischen Punk-Band »The Clash«. Joe Strummer, Sohn eines britischen Diplomaten, starb im Jahre 2002 im Alter von 52 Jahren überraschend an einem Herzfehler, der sein Leben lang unentdeckt geblieben war. The Clash sind möglicherweise die einflussreichste britische Punkband der späten 1970er/1980er Jahre. Sie lieferten den Soundtrack einer aufbegehrenden, rebellischen Bewegung, die nicht zum Establishment gehören wollte. [weiter lesen…]