Rebell: Camilo Torres

Rebell | Camilo Torres

Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist.*

Kreuzberg | 12.07.2016. Befreiungstheologe, Soziologie-Dozent und eigent­lich katholischer Priester, darüberhinaus Aktivist der 1964 gegründeten kolumbianischen Guerillaorganisation ELN. Eine aus heutiger Sicht höchst ungewöhnliche Kombination an Beschreibungen. Und doch, für Camilo Torres kein Widerspruch.
Im Gegenteil, der 1954 zum Priester ausgebildete Torres studierte einige Zeit in Belgien, kehrte aber dann nach Kolumbien zurück, um u.a. für die Einheit von Christen und Marxisten einzutreten. Sein Ziel war die unmittelbare Beendigung der Armut und des elenden Lebens der bäuerlichen Bevölkerungsteile Kolumbiens.
Er war Initiator der »Frente Unido del Pueblo« [Vereinte Front des Volkes], eine Art Gegenentwurf der sich verfestigenden Machtstrukturen der liberal-konservativen Machtkartelle im Parlament und der kolumbianischen Gesellschaft. Diese Initiative wuchs zu einer Massenbewegung der unteren Schichten, die aber mit dem Abtritt Torres in die Illegalität ihr Ende fand.
»Erstaunlicherweise entdeckte der 1929 geborene Pfarrer die Politik erst spät, nämlich erst mit 33 Jahren. Zwar hatte Torres zuvor schon Kontakt zur französisch-belgischen Arbeiterkirche gehabt, die ein „Priestertum auf Seiten des Volkes“ propagierte, aber erst unter dem Eindruck der Repression gegen die Studentenproteste 1962 politisierte er sich. Torres geriet in Konflikt mit der Universitätsleitung und verabschiedete sich innerhalb kürzester Zeit von seinen eher karitativen Vorstellungen von sozialer Veränderung. […] In Anbetracht der Verhältnisse im Land begann Torres, die Inhalte der Befreiungstheologie [die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht mit diesem Namen existierte] in bisher nicht dagewesener Radikalität zu interpretieren. Er formulierte, daß es zu den moralischen Pflichten der ChristInnen gehöre, eine gewalttätige Ordnung nicht nur verbal abzulehnen, sondern mit allen notwendigen Mitteln zu bekämpfen. […] Aufgrund dieser Überzeugung, aber auch wegen der Morddrohungen gegen seine Person, schloß sich der ehemalige Universitätspfarrer Ende 1965 der ELN an […].«**
Camilo Torres’ eindeutige Parteinahme für den Kampf der Unterdrückten und Ausgebeuteten hat bis heute Orientierungswert für zahlreiche Gruppierungen in Kolumbien bzw. Südamerika, die sich häufig »Camilisten« nennen. Gemeint ist damit vor allem der weitesgehend undogmatische Umgang mit verschiedenen Konzepten revolutionärer Ideen und Strategien.
Selbst im ultrarechten Staat Kolumbien sind immer noch zahlreiche Wandbilder mit dem Gesicht von Camilo Torres öffentlich sichtbar, da seine Anziehungskraft in den politisierten Teilen der Bevölkerung nach wie vor groß ist.
Der Christ mit revolutionärer Tat starb im Februar 1966 in einem Gefecht gegen die kolumbianische Armee. Seine Überreste wurden an einen unbekannten Ort verbracht, um politische Demonstrationen im Zusammenhang mit seiner Beerdigung zu unterbinden.
Auch künstlerische Widerstandsgruppen wie die chilenischen »Unidades Muralistas Camilo Torres«, die gegen die Dikatur Pinochets Wandbilder malten, gelten als Erbe der revolutonären Tätigkeit Torrres’.

Informationen
Wikipedia | Camilo Torres Restrepo
Gedenken zum 50. Todestag von Camilo Torres in Kolumbien | Ani Dießelmann | https://amerika21.de / 14.2.2016
Priester und Partisan | zeit-online | 30.5.1969
Die Liebe zum Nächsten als oberster Grundsatz. Vor 50 Jahren starb Camilo Torres | Margit Eckholt | www.feinschwarz.net / 15.2.2016

Buchtips
Die kolumbianischen Paramilitärs | ‚Regieren ohne Staat‘ oder terroristische Formen der Inneren Sicherheit | Raul Zelik | Verlag Westfälisches Dampfboot | 2009
La Negra | Raul Zelik | Edition Nautilus | 2000
Kolumbien | Große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung | Raul Zelik/Dario Azzellini | ISP-Verlag | 1999
Der Guerilla-Priester | Roman um Camilo Torres | Wim Hornman | Herder Verlag | 1969

Filmtips
Camilo el cura guerrillero | | Dokumentarfilm | Javier Andres Guerrero | 1974 | englisch/spanisch
Der Tod des Camilo Torres, oder: Die Wirklichkeit hält viel aus | | Fernsehfilm | Eberhard Itzenplitz | BRD 1977

|||| |||

Informationen zum Projekt »IKONEN ZUM ANFASSEN«

|||| |||

Auf den Werbebanner hier im Fuß habe ich keinen Einfluß. Das ist der »Preis« für die »Umsonst«-Nutzung. Für die sofortige Abschaffung von Marketing und Werbung!