Rebell – Wolfgang Neuss

Rebell | Wolfgang Neuss

Man muss die Leute belügen,
damit sie die Wahrheit heraus­finden.
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Kreuzberg | 31.1.2013. 38,5 g Haschisch­ und mehrere LSD-Trips brachten die Ber­liner Justiz 1979 dazu, Wolfgang Neuss acht Monate auf Be­währung aufzubrummen. Die­ses in der Öffentlichkeit viel beachtete Urteil sollte die Person Neuss demontieren.
Es wirkte wie die späte Rache einer bürgerlichen Ge­sellschaft, die von sich selbst das Bild pflegen wollte, über alles reden zu können und eine demokratische Diskussionskultur zu besitzen.
Jemand wie Wolfgang Neuss hat ein solches gesellschaftliches Selbstbild gründlich unterlaufen und das mit enormer persönlicher Konsequenz.
Neuss gehörte zunächst zur inte­llektuellen lin­ken [sozialdemokratischen] Ka­barret-Prominenz. Mit ta­ges­­politisch hintergründig in­telligentem Witz demontierte Neuss mit Hilfe von Jazz, Film und Kabarret die Nachkriegs-Bundesrepublik. Unermüd­lichkeit als Schreiber, Kabar­retist, Schauspieler, Re­gis­seur und Kommentator zeichnete den gelernten Schlachter und Teilnehmer am II. Weltkrieg aus.
»Als ich siebzehn war, hab ich mir in Russland vor lauter Angst mal den Finger abgeschossen. War Krieg, und der Russe lag nur’n paar Meter entfernt von mir. […] Eine Verletzung war die letzte Chance, aus dem Kessel rauszukommen. Ich nahm also den Karabiner 98k, […], hielt auf den Zeigefinger der linken Hand und drückte ab. Die Angst trieb mich zum Fortschritt.«**
Seine tiefe Abneigung gegen Militarismus und Krieg drückte sich auch in seinem nachkriegspolitischen Arbeiten aus. Er beteiligte sich u.a. an der Beratung von Kriegsgegnern und Deserteuren der Bundeswehr.
Dank der politischen Arbeit gegen den Krieg, war es fortan möglich mit dem Umzug nach Berlin dem Wehrdienst zu entgehen. Der Alliiertenstatus blieb bis 1989 ein entscheidendes Argument zahl­reicher alter­nativ-pro­gressiver Män­ner nach Berlin zu gehen.
Neuss war Gründungsmitglied des Republikanischen Club Berlin. »Wohin geht man in dieser Stadt, nachmittags oder abends, wenn es wieder einmal so weit ist? Wenn eine Große Koalition ins Haus steht, wenn die Politische Polizei Büros durchsucht, wenn eine Redaktion „ausgehoben“ wird, wenn es darauf ankommt, rasch zu handeln? Wo erfährt man, was nicht in der Zeitung steht? Wo trifft man sich, […]? In einer Akademie, in einer S-Bahn-Kneipe, im Auditorium maximum, im Eden-Saloon? Das ist alles nicht das Richtige. Es fehlt ein Ort, an dem sich, frei von Vereinsmeierei und in­sti­tutioneller Betriebsamkeit, jene Leute treffen können, deren Horizont noch nicht auf den der Springer-Zeitungen geschrumpft ist: linke Leute, Leute, die im Parlament niemand mehr vertritt, Leute, die dennoch politisch etwas bedeuten, […], deren Aktions­möglichkeiten erheblich wachsen könnten, […]. Der Kaffee müßte gut, der Obstschnaps nicht zu teuer sein. Alle wichtigen politischen Zeitungen und Zeitschriften, auch die in keinem Kiosk zu finden sind, […]. Wer ein Zimmer braucht, um politische Fragen zu diskutieren oder Aktionen vorzubereiten, müßte dort finden, was er sucht: ohne Stammtischgeruch, […]. Ohne Bücher ginge es nicht: eine Buchhandlung sollte im Hause sein, […]. Nicht zu vergessen die Küche. Daß die Opposition schlechter essen sollte als das Establishment, ist nicht einzusehen. Gäste könnte man einladen, auch und besonders Gäste aus dem Osten. […]. Hoffentlich kämen nicht nur Professoren, Studenten, Schriftsteller; hoffentlich gäbe es auch Gewerkschaftler, Volksschullehrer, Autobusschaffner, die sich in einem solchen Haus wohlfühlten.«***

Informationen
Wikipedia | Wolfgang Neuss
Das Neuss-Testament | Wolfgang Neuss
Mathias Bröckers Homage an Wolfgang Neuss
Wolfgang Neuss Biografie | Deutsches Filmhaus
Kurzbiografie | Conträr-Musik

Buchtips
Der totale Neuss | Gesammelte Werke| Wolfgang Neuss, Volker Kühn | Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins | 1997
Wolfgang Neuss. Ein faltenreiches Kind. | Gaston Salvatore erzählt die Geschichte des Mannes mit der Pauke | Gaston Salvatore | Europäische Verlagsanstalt | 1995
Asyl im Domizil | Bunter Abend für Revolutionäre | Thierry und Hans-Magnus Enzensberger, Wolfgang Neuss | rororo | 1968
Gründungsmanifest des Republikanischen Clubs Berlin

Filmtips
Wir Wunderkinder | Spielfilm | Kurt Hoffmann | BRD 1958
Wir Kellerkinder | Spielfilm | Wolfgang Neuss | BRD 1960
Genosse Münchhausen | Spielfilm | Wolfgang Neuss | BRD 1962
Katz und Maus | Spielfilm | nach einem Roman von Günther Grass | Hans-Jürgen Pohland | BRD 1967
Chapeau Claque | Spielfilm | Ulrich Schamoni | BRD 1974
Rotmord | Spielfilm | Peter Zadek | BRD 1986

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