Texaco Tóxico

Widerstand gegen Texaco
22.12.2010 | Gasverbrennung am Bohrloch | »Texaco zerstört das Amazonasgebiet. Ich radele für das Leben«

Lago Agrio | 22. Dezember 2010. Auf unserer 3-wöchigen Rundreise befinden wir uns in Lago Agrio [»Saurer See«]. Als Namensgeber diente den herangekarrten Erdölarbeiter_innen als Vorbild der in den 1970er Jahren offiziell gegründeten Stadt »Sour City«, damaliger Sitz des Erdölmultis TEXACO. Dem Staate Ecuador diente die ganz im Süden gelegene Stadt »Loja« als namensgebendes Sinnbild, deren Region als wirtschaftlich nicht mehr ergiebig eingestuft wurde. Man wollte die Leute noch »Nueva Loja« in den Norden der Provinz Sucumbíos locken, als neue, zukunftsträchtige, dem Ölboom dieser Jahre prophezeite, moderne, pulsierende Stadt… Es wurde vom Profit für alle gesprochen, gemeint war wohl der der multinationalen Konzerne wie TEXACO. Bis heute hat die Stadt zwei Namen, offiziell heisst sie »Neuva Loja«, auf den Bussen steht »Lago Agrio«.
Wir trafen uns mit Donald M., um eine so genannte »Toxic-Tour« zu machen. Donald ist hier in »Lago Agrio«aufgewachsen und beschäftigt sich seit Jahren mit den sozialen und umwelttechnischen Verbrechen von TEXACO [jetzt Chevron]. Er ist informeller Zuarbeiter der beauftragten Anwälte im Falle einer Anklage von über 30.000 Betroffenen der Region um Lago Agrio; eine Sammelklage, die bereits im Jahre 1993 vor einem us-amerikanischen Gericht eingereicht wurde. Dieses Gericht benötigte ganze 10 Jahre, um zu entscheiden, dass es nicht zuständig sei. Seit 2003 liegt der »Fall Texaco« nun vor dem Provinzialgericht von Sucumbíos. Der Prozess und die Entscheidung hat richtungsweisenden Charakter und geht derzeit in die entscheidende Phase, nachdem es bereits insgesamt 106 Gutachten zu verschiedenen Aspekten der Auswirkungen der extraktiven Erdölausbeutungg gibt. Auf Seiten des Widerstandes gibt es die »Asamblea de Afectados por Texaco« [Eine Versammlung der durch Texaco Betroffenen].

Schwarze Aussichten
22.12.2010 | Schwarze Aussichten: Verbrennungsschornstein für bei der Erdölausbeutung anfallendes Gas. Die anfallende Energie wird in die Luft verbrannt…

Hintergrundinformationen
Nach über 15 Jahren andauerndem Kampf von über 30.000 Anwohner_innen dieses Teils des Amazonasgebietes gegen den Ölmulti TEXACO, geht der juristische Prozess vor dem Provinzgericht von Sucumbíos in die finale Phase.

Bedeutung des Amazonasgebietes für Ecuador und die Welt
Die ungeheure Bedeutung des Amazonasgebietes liegt in seiner Biodiversität begründet und es wird in Bezug auf das weltweite Klima und die Sauerstoffzirkulation auch als „Lunge des Planeten“ bezeichnet. Das durch TEXACO ausgebeutete Gebiet liegt im unteren Nordosten des ecuadorianischen Teils, auch Teil des grössten Süsswasserreservates der Welt. Süsswasser bedeutet prinzipiell Trinkwasser. Der Erhalt des Amazonasgebietes liegt im weltweiten Interesse. Die durch TEXACO verursachten Verunreinigungen tragen zur globalen Erwärmung bei und darüberhinaus spricht man von einem Genozid an den in der Region ansässigen indigenen Ethnien.

TEXACO: 26 Jahre Verschmutzung des Amazonasgebietes
Von 1964 bis 1990 war TEXACO offiziell in Ecuador operativ tätig. Der Multi besass eine Konzession von über 500.000 ha, um dort Bohrungen vorzunehmen und schlug 356 Bohrlöcher in die reichhaltige Amazonaserde, teilweise bis zu 8 Kilometer tief. Jedes Bohrloch ist begleitet von schwimmbadgrossen Becken, den »piscinas«, um den bei der Erdölproduktion anfallenden kontaminierten Abfall »zu entsorgen«. Für den gleichen Zweck benutzt TEXACO beispielsweise in den USA Stahltanks, während in Ecuador die »piscinas« einfach einige Meter tief ausgehobene Erdlöcher sind, in denen Tonnen an Erdölabfällen eingeleitet wurden. Es handelt sich bei diesen Abfällen um Rohöl, Bohrlochschlamm, verdreckt mit ätzenden Chemikalien, die bei den Bohrungen verwendet werden sowie bei der Erölförderung anfallendes hochgiftiges Wasser.
Alle »piscinas« sind so konstruiert, dass sie einen so genannten »Gänsehals« als Abfluss haben; ein einfaches Rohr, welches jeweils in nahegelegene Rinnsaale, Bäche oder Flüsse eingeleitet wurde. Dadurch wurden oberirdische Wasserquellen direkt verseucht.
TEXACO betrieb auch 22 Produktionsstätten zur Verwertung des Rohöls, wo ebenfalls Flüsse, Bäche und kleinere Seen direkt verseucht wurden, ohne jegliche umwelttechnischen Vorkehrungen oder sonstige Filter.

Bohrloch mit Pumpe
22.12.2010 | Dritte Phase der Ausbeutung: Schon teilweise entleertes Bohrloch. Mit Hilfe einer Pumpe und chemischen Zustätzen wird das Öl hochgepumpt


Leben für die Ausbeutung der Ressourcen

Nach dem Urteil eines unabhängigen Expertengutachtens, welches auf Anweisung des Gerichtes erstellt wurde, hat TEXACO einen illegalen Gewinn von 8.3 Milliarden US-Dollar wegen der Unterlassung von umweltschonenden Maßnahmen in Bezug auf Rohölabfall, das nicht Wiedereinführen des toxischen Bohrwassers, des verseuchten Bohrschlammes und des Anlegens der »piscinas« in der umweltschädigenden Form und wegen der Verbrennung statt ernergiesinnvollen Ausnutzung des anfallenden Gases. Durch die Verbrennung des Gases wird nicht nur die Athmospäre aufgeheizt, sondern auch weitere Umweltgifte über hunderten von Quadratkilometern über die Luftzirkulation verteilt und gelangt auch durch Niederschlag wiederum in den Boden und das Trinkwasser. Millionen von insekten kleben an den erölschwarzen Rohsystemen der Gasverbrennungsleitungen. Nicht nur das Rohöl, sondern auch alle chemischen Nebenprodukte sind bereits Teil des laufenden Prozesses. TEXACO kam nicht umhin, in den bisher 106 Gutachten zuzugeben, welche Art der Umweltsauerein mit der extraktiven Förderung von Erdöl verbunden sind.

Gesäuberte Becken
22.12.2010 | In den 1990er Jahren kehrte Texaco wegen internationaler Auflagen zurück, um ihre angelegten »piscinas« zu säubern. Das Säubern bestand in Auftragen von 1,50 m Erde. Noch heute sind die über 1000 Becken hochtoxisch verseucht, alles sickert weiter ins Erdreich, Grund-und Trinkwasser.

Soziale und gesundheitliche Katastrophe
Wieviele Personen sind bereits durch die skrupelosen Praktiken von TEXACO gestorben? Keiner weiss dies genau. Die meisten sterben stillschweigend, oftmals ohne zu wissen, dass die Ursache ihrer körperlichen Leiden, in der kapitalistischen Produktionsweise eines Multis wie TEXACO liegen. Mittlerweile existieren Untersuchungen über die gesundheitlichen Auswirkungen auf die in der Erdölförderungszone lebenden Menschen.

Einige Bespiele:

    • Die Leukämierate der Anwohner_innen im Alter von 0 – 4 Jahren ist drei Mal höher als in Gebieten ohne Ölförderung. [Studie von 2002]

    • Die Krebsrate liegt um 150% höher als in anderen Gegenden. [Studie von 2002]

    • Die Rate ungewollter, so genannter spontaner Schwangeschaftsabbrüche liegt in von TEXACO ausgebeuteten Gebieten 2,5 mal höher als normal. [Studie von 2002]

    • Insgesamt höhere Raten an Sterblichkeit, ungewollten Schwangerschaftsabbrüchen, Hautentzündungen, Hautpilzen, Atemwegsproblemen und Problemen im Verdauungstrakt, in Gebieten der Erdölförderung von TEXACO.

Die sozialen Auswirkungen sind ebenfalls eine einzige Katastrophe. Neben der Tatsache, dass oft Fremdarbeiter aus anderen Regionen des Landes eingesetzt werden, die während ihres Arbeitsaufenthaltes in Kontainern leben, ist die Prostitution sprunghaft angestiegen. Alkoholismus und Glückspiel hat sich ausgebreitet. In den 10 legalen und 2 illegalen Bordellen rund um Lago Agrio arbeiten oftmals Kolumbianerinnen, die aufgrund der Grenznähe und der Flüchtlingssituation im eigenen Land im Norden Ecuadors stranden; entrechtet, illegal, ausgebeutet und ohne jegliche Perspektive ihrer Situation zu entkommen.
Die externen Arbeitsbrigaden werden oft wie eine Art Streikbrecher eingesetzt, vor allem dann, wenn die lokale Bevölkerung beginnt sich zu organisieren bzw. sich weigert, unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten oder überhaupt noch für TEXACO zu schuften.
Am härtesten Betroffen sind eher ländlich wohnende Bevölkerungsteile und die indigenen Gemeinden, deren Land nicht nur geraubt, ausgebeutet und zerstört wird, sondern auch ihre Trinkwasserquellen verseucht und die Äcker kontaminiert werden. Vor allem die einzelnen indigenen Gemeinden leben oftmals an Bächen und Flüssen, die eine Lebensader darstellen. Das indigene Volk der Cofán ist faktisch vertrieben worden.
Noch immer ist in der Geschichtsschreibung zu lesen, dass in den 1960er Jahren unbewohntes, leeres Land für das »Schwarze Gold« urbar gemacht und besiedelt wurde. Die ganze Ignoranz und Verachtung anderer Lebensrealitäten drückt sich alleine in diesem Satz aus. Das christliche Credo, »mach dir die Erde Untertan« spricht aus dieser Herangehensweise, die Fortführung der rassistischen Kolonialpraxis von über 500 Jahren, findet auch im 20. Jahrhundert seine Entsprechung.

piscinas
22.12.2010 | »Pisciana« und sein Inhalt. Eine Art sumpfiges Öl-Schmiergemisch, mit der Wirkung von Treibsand, in denen Tiere und Menschen verenden, wenn sie reinfallen.

Aussaugen und Profit
Nach Aussagen von Donald M. haben neueste Zahlenvergleiche ergeben, dass allein die USA in einem Monat soviel Erdöl verbraucht, wie sie in den über 20 Jahren verseuchender Praxis allein aus Ecuador herausgeholt hat. Die so genannte westliche Welt, darunter Nordamerika, Europa gingen immer davon aus, dass alles immer und überall und sofort zu haben ist. Auch wenn es sich um Naturressourcen handelt, wie Erdöl. Wenn man die Region Lago Agrio mit offenen Augen besucht wird deutlich, dass es nie ein Konzept von Respekt gegenüber anderen Lebensrealitäten, noch auch nur Ansätze von Umweltmaßnahmen gegeben hat. Im Gegenteil: Die so genannten Wissenschaftler, Ingenieure, Experten, die im Auftrag von multinationalen Konzernen ihre Bohrer in die Erde trieben und Becken mit Abläufen in den Regenwald und das Trinkwasser erschufen, handelten bewusst ignorant. Es ging ausschließlich um Profit, um nichts, aber gar nichts anderes. Um den schnellen Dollar, was mit den Menschen, der Umwelt, ganzen Kulturen geschehen sollte, spielte und spielt keine Rolle. Für Individualverkehr, das Zweit-Auto, Plastiktüten, Plastikflaschen, Treibstoff für Billigflieger, für die ganze Mobilität und Verpackungswahnsinn der westlichen Welt wurde am anderen Ende der Welt die »Schwarze Pest« aus der Büchse der Pandora herausgesaugt… Eine einzige Katstrophe!

Quellen: Kampagne gegen TEXACO/CHEVRON