Probleme der Postkartenwelt

Postkartenwelt mit Problemen
Sonne, Sandstrand, Sorglosigkeit – Palmen, Plastikmüll, Probleme – Mompiche, Mangroven, Muscheln – Cabañas, Kapitalisten, Krustentiere

Mompiche | 4.-6. Dezember 2010. Auf einer Postkarte oder Wandtapete mit Sonnenuntergang, seichten Wellen und Palmen sind keine ökonomischen Probleme der Fischer_innen, keine ökologischen Verbrechen, wie im Bereich der Shrimp-Zucht, zu derem Zwecke die einzigeartige Mangrovenvegetation vernichtet wird, abgebildet. Abgebildet ist der Traum eines Glückversprechens, welches uns verheisst, in paradiesähnlichen Zuständen leben zu können. Es ist ein Traumbild, ein Trugschluss, letztlich das Geschäft mit unserer Sehnsucht nach einer einfach strukturierten Welt, mit Sonne, Sand und Sorglosigkeit…
Und dennoch, es gibt Flecken auf dieser Erde, deren einnehmende Schönheit und salzige Athmosphäre uns Wellen des Glückes in unser Dasein schwappen lässt. Mompiche, nahe bei Muisne, zur Gemeinde »Bolivar« zählend, in der Provinz Esmeraldas gelegen, ist so ein Ort.
Der Strand zwischen Muisne und Mompiche ist Dank des bisher eher gemäßigten Tourismus nicht nur unendlich lang, flach ins Meer abfallend, sondern auch wenig verschmutzt durch Teer, Altöl, Plastik oder sonstigen Abfall einer Welt des aufdringlichen Konsumes. Langsam tauchen Hotelkomplexe auf, deren Architektur die Geldgier und den überaus schlechten Geschmack ihrer Planer und Besitzer ausdrückt, ähnlich dürfte es mit dem zukünftig erhofft, gutzahlenden Publikum aussehen. Schon jetzt ist absehbar, was Massentourismus an einem solchen Ort bedeuten wird: Pingüino[= Langnese]-Schirmchen inmitten von Coca-Cola-Tisch-Stuhl-Garnituren, beheizter Swimming-Pool, Essen in Plastikverpackungen, Parkplätze für dicke Autos, Strandliegen in der Anordnung von Sardinen in Büchsen, für Menschen ohne Bewußtsein aber grünen Dollars. Bleibt nur zu hoffen, dass der Massentourismus hier scheitern wird, am Widerstand der Einwohner_innen, oder an der Arbeit von »Fundecol«, einer Organisation, die auf veschiedenen Ebenen rund um Muisne lebenserhaltende Maßnahmen für die einmalige Mangrovenwelt durchführt.
Wir verbringen nur drei Tage an diesem äusserlich paradiesischen Ort. Ein Privileg, ohne Zweifel. Am erste Tag kommen wir in einer »lancha« [kleines motorisiertes Boot] an, waaten durch die Rinnsaale, die durch die Ebbe übriggeblieben sind, mit Gepäck und Proviant. Die Besitzerin der sechs »Cabañas« [kleine, einfach Holzhütten] holt uns in ihrem kleinen Jeep ab, der knapp zehn Minuten über den Strand hoppelt, vorbei an tausenden von kleinen Krabben, die seitlich laufend, vor den Erschütterungen des herannahenden Fahrzeuges flüchten. Fregattvögel kreuzen über unseren Köpfen, ebenso wie [junge] Rabengeier.
Uns erwarten Cabañas mit Hängematten, einer kleinen Terasse, einfacher Einrichtung, direkt am Strand. Die Gezeiten [Ebbe/Flut] sind hier deutlich sichtbar, wenn auch nicht in der Ausprägung wie in der Nordsee. Zumindest so stark, dass dies den Besuch im nahegelegenen Dorf »Mompiche« beeinflusst.
Wir legen gleich los, ab in eine »lancha« und eine kleine Küstentour mit Erklärung durch den einheimischen »lancha«-Fahrer; vorbei an Luxushotels der Kette »Decamerón«, die sofort abegrissen gehören, durch die Mangrovenwelt, zusammen abermals mit Fregattvöglen, Pelikanen und Blaufusstölpeln. Zahlreiche Zuchtbecken für Shrimps [Garnelen], die optimal in einer ausgewogenen Mischung aus Süß- und Salzwasser gedeihen, sind Hektarweise Mangroven und ihre einzigartige Pflanzen- und Tierwelt vernichtet worden. Der Widerstand der [ehemaligen] Fischer_innen und Muschelsammler_innen, die in abhängige Lohnarbeit bei den großen Zuchtfirmen getrieben wurden, wächst mit dem anwachsenden Bewußtsein. Durch die sozial-politische Arbeit von Umweltaktiviste_innen und Stiftungen, ist das Problem des schweren Eingriffs in ein funktionierendes Ökosystem, bei einem großen Teil der Bevölkerung, bekannt und die Leute wehren sich bzw. beteiligen sich zunehmend an Projekten bzw. am Modell des »tourismo comunitario«.
So auch unser Steuerman, der den Yamaha-Motor immer dann leise dreht, wenn er mit uns spricht. Er erläutert das Problem der Zuchtbecken, die nicht nur den Platz der abgeholzten mangroven einnehmen. Durch die künstliche Bewässerung mit Salzhaltigem Wasser, sind die Becken nach 15 Jahren Wüste. Dort wächst nichts mehr. Aus Mengroven wird also Wüste gemacht. Selbstverständlich prägt der gesamte Kreislauf der dem Kapitalismus innewohenden Dynamik der Lohnarbeit ebenfalls den neue Lebensrealität der Bewohner_innen. Mittlerweile finden die Großkonzerne keine Arbeiter_innen mehr aus der Region, also werden »Fremdarbeiter_innen« angeheuert. Ihre Not macht sie zu Shrimp-Sammler_innen in den becken, dennoch ist ihr Dasein für die Anwoner_innen nichts anderes als Verrat bzw. besitzt den Status von Streikbrechern.
Vor einigigen Jahren hat eine Aktivist_innengruppe von Greenpeace bei einer Shrimp-Farm zusammen mit Einheimischen die Begrenzungen von Zuchtbecken und die Filteranlagen bei Muisne zerstört. Die Antwort der Besitzer war Paramilitarismus; bewaffnete Söldner haben das Schiff von Greenpeace angegriffen und schwer beschädigt.
Wir gleiten im Boot durch die verwurzelte, durch die Gezeiten gezeichnete Landschaft. Vorbei an einer kleinen Halbinsel – gleich neben einem hingeklotzten Hotelkomplex von »Decameron« – die dort befindliche Finca zwischen Palmen, erreichbar über eine beschauliche Brücke – ist der ehemalige, kurzzeitige Zufluchtsort eines der zahlreich gestürzten Präsidenten, Abdalá Bucaran »El Loco«. Ein wahnsinniger, auch als Schlagersänger tätiger Präsident der PRE [Partido Rodolista Ecuadoriano], der 1996/97 das Amt bekleidete. Auch 2005, beim Sturz von Lucio Guitiérrez war die Rückkehr von Bucaran nach Ecuador u.a. der Tropfen zum Überlaufen, da das gegen ihn anhängige Verfahren vom korrupten Obersten Gerichtshof fallen gelassen worden war.
Naja, so sehen jedenfalls »Zufluchtsorte« von gestürzten Präsidenten aus… Ziemlich beschaulich.
Nachdem wir auf dem Eiland »Isla Jupiter« einen Spaziergang auf weiss-schwarzem Sand zwischen Krabben, Strandgut und hunderttausenden von Muscheln einen Zwischenstopp eingelegt haben, kehren wir kurz vor Sonnenuntergang mit der »lancha« über Wellenrücken, teilweise abhebend, zurück zu unseren Unterkünften. Noch war Zeit für eine kleine Partie Strandfussball, dann endete der Tag bei Fischessen und Lagerfeuer am Strand…

Am folgenden Tag ging es nach einem ausgiebigen Frühstück ein Stück ins Landesinnere, zunächst in einer »camionetta« [kleiner Lastwagen oder Pick-up]. Die in diesem Land typische art, vor allem in eher ländlichen Gebieten, ein Stück Weg zurück zu legen; einfach auf die Ladefläche und los. Da wir quasi auf Erkundungstour waren, »testeten« wir einen dreitsündigen Waldrundgang mit einem örtlichen Begleiter, der uns allerlei Pflanzen näher brachte. Wir erhielten abermals Informationen über den Ansatz des »turismo comunitario« und die Holzindustrie der Küste. Da es Tage zuvor ebenfalls geregnet hatte, wie auch die ganze Zeit während unserer Waldtour, war die Dschungelboden bis zu einem 1/2 Meter tief und nicht nur ein Mal verlor der eine oder andere seinen Schuh bzw. seinen Gummistiefel. Drei Stunden im Regen, mit teilweise stielen Hängen, Durchquerung einer Höhle mit nervös flatternden Fledermäusen, durch Flussrinnsale, immer im Schlamm war nur was für asugesprochene Dschungelfans und Leute mit Ausdauer in den Beinen. Uns begegneten 100-Füssler, kleine Fische, Süsswasser-Garnelen, Tucane, aufwändige Spinnwebenbehausungen, Schlangen, Affen [leide rnur akustisch], Ameisen, allerlei Insekten und Falter. Wir ernährten uns von jungen Palmensprossen, Maracuja, Mandarin-Limone, Tagua, Kokusmilch und Kokusfleisch sowie rohem Kakao.
Am Ende landeten die Suüüswassergarnelen in einer kalten [Fisch]Suppe, hier als »ceviche« bekannt. Äusserst delikat.
Auf der Ladefläche ging es durchnässt, leicht frierend und im Regen zurück an den Strand. Ein Bad im lauwarmen Pazifik ließ die Anstrengung abfallen.
Der letzte Abend endete in einer örtlichen Bar [»la fasca«] von Mompiche, dem nahegelegenen Ort, nachdem wir jedeR einen Hummer verspeist hatten, zubereitet von der Besitzerin der kleinen intimen Ansammlung der Cabañas. Sie ließ es sich anschließend auch nicht nehmen, sich mit uns zusammen in besagter Bar ordentlich die Kante zu geben. Die Flut trieb uns nach Hause, da unser Transportmittel auf der anderen Seite des erhöhten Wassers stand. Nachdem wir das offensichtlich nicht strandfähige Fahrzeug drei Mal aus dem Sand vor dem Ertrinken gerettet hatten, fielen wir in tiefen Schlaf…
Die Abreise am nächsten Morgen – ebenfalls wieder mittels einer »lancha« – erfolgte für die Busreisenden in aller… aber allerletzter Sekunde, dank der Rennfahrerqualitäten unseres »lancha«-Piloten.

Wir werden bestimmt wieder kehren…