Archiv für Dezember 2010

Jetzt geht es rund…

Sprung über Quito
16.12.2010 | Sprung Richtung Quito vom Pichincha aus…

Quito | 20. Dezember 2010. Ende des Jahres 2010. In den meisten Fernsehformaten laufen jetzt Sendungen über das vergangene Jahr 2010. Die Highlights, die größten Katastrophen, alles schick aufgemacht, aufregend moderiert, betroffen vorgetragen. Hauptkriterien einer Meldung ist die Sensation, sie hat dann Marktwert, wenn se sich zum Voyeurismus eignet.
Wir haben die erste Woche unserer Rundreise hinter uns. Eine Rundreise vom Charakter her eine Mischung zum Erleben und Hineinbegeben verschiedener Landschaften, Hochland, Dschungel, Küste, politische Landschaft. Erste Interviews haben wir im Kasten, um uns die Entwicklung des »Sozialismus de 21. Jahrhunderts« [in Ecuador] aus der Nähe anzusehen. Marlon Santi, Präsident der größten Indigenenorganisation nahm sich eine Stunde Zeit für uns, ebenso die Aktivistinnen von »Salud Mujeres« [Siehe Artikel hier im Blog »Erste Widersprüche«]. Ein Aktivist des [Jugend]Zentrums »La Hueca«, was noch vor wenigen Wochen geräumt worden war [siehe hier im Blog der Artikel »Brutale, illegale Räumung des selbstverwalteten Zentrums »La Okupa/Jugendhaus« in Quito«] berichtete uns über ihren Versuch endogene Stadtteilarbeit zu verankern über einen Zeitraum von fast 10 Jahren.
Auch das uraban-rurale Projekt »El Pungu« stellte uns ihr Projekt vor. Wir werden auf unserer Rundreise zahlreiche Interviews mit Aktivist_innen verschiedener sozialer Bewegungen führen. Möglicherweise kommt am Ende ein Mosaik über den inneren, widersprüchlichen Zustand des ecuadorianischen Entwicklungsprozesses hin zu einer anderen Gesellschaft heraus… Weniger ein Rückblick, als ein Ausblick über Möglichkeiten des Widerstands und realer Schwierigkeiten kapitalistische Logik auszuhebeln.

¡Todavia odiamos al capitalismo!

[Bis zum 8. Januar 2011 nur sporadische oder keine Einträge]

Probleme der Postkartenwelt

Postkartenwelt mit Problemen
Sonne, Sandstrand, Sorglosigkeit – Palmen, Plastikmüll, Probleme – Mompiche, Mangroven, Muscheln – Cabañas, Kapitalisten, Krustentiere

Mompiche | 4.-6. Dezember 2010. Auf einer Postkarte oder Wandtapete mit Sonnenuntergang, seichten Wellen und Palmen sind keine ökonomischen Probleme der Fischer_innen, keine ökologischen Verbrechen, wie im Bereich der Shrimp-Zucht, zu derem Zwecke die einzigeartige Mangrovenvegetation vernichtet wird, abgebildet. Abgebildet ist der Traum eines Glückversprechens, welches uns verheisst, in paradiesähnlichen Zuständen leben zu können. Es ist ein Traumbild, ein Trugschluss, letztlich das Geschäft mit unserer Sehnsucht nach einer einfach strukturierten Welt, mit Sonne, Sand und Sorglosigkeit…
Und dennoch, es gibt Flecken auf dieser Erde, deren einnehmende Schönheit und salzige Athmosphäre uns Wellen des Glückes in unser Dasein schwappen lässt. Mompiche, nahe bei Muisne, zur Gemeinde »Bolivar« zählend, in der Provinz Esmeraldas gelegen, ist so ein Ort. [weiter lesen…]

Armut I: glänzende Oberfläche

Schuhputzer
Für 25-50 Cent werden die Business-Schuhe wieder auf Hochglanz gebracht. Eine »dreckige« Arbeit für eine glänzende Oberfläche…

Quito | 1. Dezember 2010.
Laut einer aktuellen Meldung der Nachrichtenagentur Reuters ist die Armut in Ecuador landesweit im Vergleich von 2008 zu 2009 leicht angestiegen. Die offiziellen Zahlen sagen: 2008 habe sie bei 39% gelegen, 2009 lag sie bei 40,2 %. Als Ursache wird die internationale [Finanz]Krise des Kapitalismus ausgemacht. Punkt.
An jeder Ecke in Quitos Innenstadt sind Schuhputzer_innen zu sehen. Für 25-50 Cent werden die Schuhe mit neuem Glanz versehen. Zwischen denen, die putzen und denen, die ihre Füße aufpolieren lassen, liegen Welten und zumeist eine Tageszeitung. Während die am Boden Sitzenden eifrig hin- und her schrubben, sitzt der Obere auf einem Kissen, und schaut in die Welt der Zeitungswirklichkeit, dem Arbeitenden nicht einen Blick würdigend.
Es gibt kaum ein Bild, was auf der symbolischen Ebene treffender die ausbeuterischen und verachtenden Verhältnisse im Kapiltalismus ausdrückt: der auf Hochglanz gebrachte betrachtet die Realität durch den Filter der Medienwelt – 4-farbig, mit aufregenden Schlagzeilen und allerlei Werbekrempel – während der [im informellen Sektor] Arbeitende mit gesenktem Haupt die Kraft seiner Hände, die Beugung seines Rückens, den scharfen Geruch der Schuhcreme, den harten Boden [seines Holzhockers] und die Blicke desjenigen spürt, der breitbeinig über ihm thront.