Archiv für November 2010

Sonntag, 28.11.2010 | Volkszählung in Ecuador

Befragungsbogen
Über 360.000 Student_innen werden den vom INEC [Nationales Institut für Statistik und Zensus] ausgearbeitete Volkszählung mittels eines Fragebogens von 71 Fragen zu Bevölkerungs- und Wohnsituation mit persönlichen Besuchen umsetzen

Quito | 26. November 2010. Am Sonntag ist Volkszählung. Die letzte in Ecuador wurde 2001 durchgeführt. Eine Protestbewegung wie in der BRD 1983 bzw. 1987, die zum Boykott der Befragung aufrief, gab es hier nicht. In den 1980er Jahren wurde in der BRD noch über den »gläsernen Menschen« debattiert, die Fragen öffentlich kritisiert und die Zählung konnte nur anonym durchgeführt werden. Ich erinnere mich noch an Schlagzeilen aus der Bild-Zeitung, wie Helfer der Volkszählung 1987 verprügelt worden waren. Ein großer Teil der Bevölkerung wollte kein »1984«. Auf Marktplätzen wurden die Fragebogen öffentlich auf Wäscheleinen aufgehangen oder verbrannt. Keinerlei Vertrauen in die Vertraulichkeit der staatlichen Behörden. [weiter lesen…]

Voll die Pfeifen!

Voll die Pfeife!
Pfeifen auf Ampeln, auf Menschenrechte und auf den Respekt vor Mitmenschen: Policía Nacional – Ecuadorianische Abteilung der unbeliebtesten Berufsgruppe der Welt.

Quito | 25. November 2010. Die Akustik in den Straßen Quitos ist bestimmt vom Hupen, Pfeifen und dem langanhaltenden Heulen von Autoalarmanlagen. Ein Kuriosum ist die Beschäftigungstherapie der Abteilung »Verkehrsreglung« der unbeliebtesten Berufsgruppe der Welt. Auch in der Hauptstadt Ecuadors gibt es zahlreiche Kreuzungen, an denen mit Hilfe von Lichtsignalen, im Allgemeinen als Ampeln bezeichnet, der Verkehr geregelt wird. Das – sollte man meinen – ist die Berufung dieser technischen Einrichtungen.
Dies scheint aber bei den Beamten der »Policía Nacional« entweder nicht angekommen zu sein, oder aber sie misstrauen zutiefst diesem dreifarbigen – international interpretierbaren – Lichtspiel.
Jedenfalls stehen zahlreiche Uniformierte in hellgelben Westen eingehüllt, über ihre dreckgrüne Berufbekleidung gezogen, mit Trillerpfeifen im Mund mitten auf der Kreuzung. So manch einer hat sich extra fein gemacht mit weißen Handschuhen, manche stehen auch nur am Rand, etwas deplatziert zumeist. Und wenn es ihnen in den Sinn kommt, blasen sie sinnfrei in ihre energischen akustischen Hilfsmittel. [weiter lesen…]

Vorerst kein Dialog mit der Regierung Correa

Marlon Santi | CONAIE
Marlon Santi, Präsident der CONAIE [Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador]

Puyo | 21. November 2010. Vertreter der größten indigenen Organisation Ecuadors CONAIE [Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador] von der Küste, des Hochlandes und des Amazonasgebietes trafen sich in Puyo, ihr weiteres politisches Vorgehen in Bezug auf die Regierung Correa zu diskutieren.
Soziale Organisationen, Basiskommitees und indigene Völker und Nationalitäten werfen insbesondere Präsident Correa vor, keine Dialogbereitschaft gegenüber Vorschlägen der Basis bzw. indigenen Initiativen zu zeigen und darüber hinaus ihre Sprecher_innen und Vorsitzenden zu kriminalisieren.
Vorerst wollen sie nicht zum Dialog mit der Regierung zurückkehren, es sind für Januar große Mobilisierungen geplant, vor allem in Bezug auf das neue Bildungsgesetz. Hier geht es im Konflikt zwischen Regierung und indigenen Vorschlägen vor allem um die Umsetzung der bereits 1998 in der Verfassung verankerten Rechtes der zweisprachigen Erziehung [spanisch/quichua]. [weiter lesen…]

Marcelo Rivera: Abbruch des Hungerstreiks

Quito | 18.11.2010. Am 11. November 2010 haben die Eltern von Marcelo Rivera, politischer Gefangener, abegurteilt zu drei Jahren Gefängnis wegen »terroristischer Aggression« und einer Geldstrafe von ca. 300.000 US$, im Krankenhaus Eugenio Espejo eine Pressekonfenrenz abgehalten. Gleichzeitig hat Marcelo seinen Hungerstreik nach über 25 Tagen auf medizinischen Rat hin abgebrochen. Sein gesundheitlicher Zustand sei bedenklich, u.a. wegen innerer Blutungen.
Die Eltern betonten nochmals, dass Marcelo ein politischer Aktivist sei und kein Terrorist. Sein Vater erklärte, es sei ein politisches Urteil und allein von der Geldstrafe könne man die ganze »Universidad Central« kaufen.
In der Bundesrepublik gibt es auf der Seite der MLPD [Marxistisch Leninistische Partei Deutschlands] eine Solidaritätserklärung, ebenso wie von ihrer Jugendorganisation Rebell.
Leider ist auch der Solidaritätsbegriff in der Praxis an ideologische Korsetts gebunden…

Solidaritätserklärung in der Roten Fahne.

Das Zeitalter des Zorns

Die Hände des Protestes
»Las manos de la protesta« [«Die Hände des Protestes«] aus dem Zyklus »Das Zeitalter des Zorns«. | Oswaldo Guayasamin.

Quito | 12. November 2010 | Museum Guayasamin. Schlendert man über die diversen Märkte in Ecuador und bleibt an den Ständen mit Bildern oder T-Shirts stehen, begegnem einen zahlreiche Motive fast kubistisch, zerklüfteter Menschen, mit gewaltigen Händen, verdrehten Köpfen, tiefsitzenden Augenhöhlen, sehnigen Körpern, deren Stellungen die Schmerzen der Ausbeutung und des Leidens ganz Südamerikas ausdrücken [sollen].
Es sind Zeichnungen, Bilder und Skulpturen des bekanntesten Ecuadorianischen Kunstschaffenden Oswaldo Guayasamín, der auch als einer der bedeutendsten Künstler südamerikanischer Werke des letzten Jahrhunderts gilt. [weiter lesen…]

Das System

Quito | 9.11.2010. DAS SYSTEM
das den Computer programmiert, der den Bankier aufschreckt, der seinen Botschafter anruft, der mit dem General zu Abend speist, der den Präsidenten zu sich zitiert, der dem Minister Anweisungen gibt, der den Geschäftsführer abkanzelt, der den Abteilungsleiter anschnauzt, der seinen Angestellten zur Schnecke macht, der den Arbeiter verachtet, der seine Frau mißhandelt, die ihren Sohn schlägt, der den Hund tritt.

Aus: Tage und Nächte von Liebe und Krieg | Eduardo Galeano | Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1978.

Marcelo Rivera: 3 Jahre Haft wegen »terroristischer Aggression«

Quito | 8.11.2010. Heute bestätigte die dritte Kammer des Gerichtes von Pichincha die Verurteilung von Marcelo Rivera, Vorsitzender der FEUE [Federación Estudiantil Universitario del Ecuador]. Der Vorwurf des »Terrorismus« wurde auf »terroristische Aggression« heruntergebrochen. Marcelo Rivera wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Zusätzlich muss er insgesamt eine Summe von 298 665 US-Dollar Strafe bezahlen, u.a. wegen Missachtung des Gerichtes während seines Prozesses.
Drei Jahre Haft und knapp 300 000 Dollar für das Stören einer universitären Veranstaltung, in deren Verlauf der Rektor der Universität tätlich angegriffen wurde. Dieser selbst hatte jedoch ausgesagt, Marcelo Rivera weder gesehen zu haben, noch das dieser an der Aggression gegen ihn unmittelbar beteiligt gewesen sei.
Dies ist als politisches Urteil gegen das links-orthodoxe Spektrum und ihre bekannten Aktivist_innen zu verstehen, die lange politische Merhheiten in den Universitäten und Oberschulen sowohl unter den Professoren wie unter den Student_innen hatten.